Die Memmen des Meeres - Der Corona-Fortsetzungsroman
von Carolina Möbis
Zum besseren Verständnis: Dieser Corona-Fortsetzungsroman ist interaktiv, denn hier spielt der Corona-Leser mit!
Wie früher in einem dieser alten Abenteuerspielbücher bestimmen Sie die Handlung.
(Sie wissen schon: Wie damals in "Die absolut tödliche Insel des fürchterlichen Schreckens" und so weiter.)
Aber anstatt zur Seite 170 oder 91 weiterzublättern, helfen Sie unserem Helden bei seinen Entscheidungsschwierigkeiten mit der Abstimmung unter dem aktuellen Kapitel.
Seien Sie die flüsternde Stimme im Wind und lesen Sie das Ergebnis in der nächstes Ausgabe des Corona Magazine.
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34. Kapitel
Die Stimmen sagen mir, was ich im Innern auch empfinde. Ich sollte Puschel gewähren lassen. Schlimmer kann er es doch auch nicht mehr machen.
„Also gut“, wende ich mich an den vierbeinigen Praktikanten. „Dann leg mal los.“
Puschels flauschiger Schwanz fegt wie ein Staubwedel, den man in Red Bull getränkt hatte. „Ich werde ihn ablenken!“, verkündet Kopf Nummer Eins strahlend.
„Du“, schmollt der andere. „ICH bin dagegen. Und ich will, dass das später ins Protokoll kommt!“
„Protokoll! Protokoll!“ Kopf Nummer Eins wippt auf und ab. Dann folgt der restliche Hund nach. Der Schwanz wedelt. „Protokoll! Protokoll! Und Parfüm!“
Damit hat Puschel immerhin Calypsos volle Aufmerksamkeit. „Parfüm?“
„Du gibst mir!“, verkündet Kopf Nummer Eins.
Kopf Nummer Zwei gähnt und schüttelt sich und einem Anfall ungewohnter Aktivität. „Nö! Stinkt!“
„Eben!“ Schwanzklopfen im Reggaerhythmus untermalt das Schaukeln von Kopf Nummer Eins. „Für Cerberus.“
Kopf Nummer Zwei rümpft die Nase und leckt sich in stillem Protest am Allerwertesten.
„Und ist das nicht auch scheußlich für dich?“, frage ich vorsichtig beim verbliebenen diskussionsfähigen Haupt.
„Ich bin zur Hälfte Schoßhund“, verkündet es. „Wurde geboren, um parfümiert und verhätschelt zu werden!“
„Na, wenn das so ist.“
Odysseus lacht. „Glaubst du im Ernst, dass du den Hadeswächter so ablenken kannst?“
Hermes zieht die Stirn kraus. „Einen Versuch wär‘s wert“.
Calypso verschränkt die Arme. „Mein Dior ist viel zu edel für zwei Köter!“
Monique seufzt. „Du kannst mein Deo haben. Das sollte es auch tun.“
„Das ist Spray, das geht nicht.“
„Wieso?“, fragt Kikki.
„Keine Hände“, erkläre ich eingedenk eines Gesprächs mit meinem Freund Purzel.
Beide Hundeköpfe nicken.
Plötzlich reißt der einfallsreiche Kopf, Haupt Nummer Eins die Schnauze auf und hechelt. „Doch, könnte klappen, wenn wir zusammenarbeiten.“
Haupt Nummer Zwei unterbricht das Lecken am After, setzt den ganzen Hund hin und macht mit delikateren Körperteilen weiter.
„Keine Lust.“
„Och komm schon, du Fellknäuel“, flötet eine liebliche Berliner Frauenstimme. „Alle warten nur auf dir. Jetzt habt ihr zwee mal die Changse, `n Held zu sein, und denn jeht ihr so ja nich` ab. Dit is echt traurig, die Darbietung.“
„Du verstehst nicht!“, beschwert sich Haupt Nummer Zwei. „Ist gefährlich.“
„Na und? Leben is lebensjefährlich! Dit Leben ist so jefährlich, da kommste nich` lebend raus!“, argumentiert Kikki logisch und mit einem erstaunlichen Sinn für Ironie.
Puschels Häupter stutzen. „Öh…“ Die einsame Silbe bleibt der einzige Ausdruck ihres Gedankenmarathons.
„Ja, ein Held“, schlage ich in Kikkis Kerbe. „Du könntest een wahnsinnich jroßer Held sein. Een richtija Superheld. Wer besiegt denn schon den Cerberus?“
„Öhh…“ machen Puschels Köpfe erneut und dann reden alle gleichzeitig. Ich erzähle von meinem heldenhaften Kumpel Purzel und betone das Verwandtschaftsverhältnis. Kikki und Monique lassen ihren weiblichen Charme spielen und Hermes bietet Bestechungsgeschenke, während sich Calypso und Odysseus gegenseitig ankeifen. Soweit ich ihren Streit mitbekomme, spielen Circe, Penelope und nicht so ganz einsame mediterrane Nächte eine Rolle.
Irgendwann gähnen beide Köpfe lautstark und geben eine beeindruckende Abfolge schriller Quietschtöne von sich, die geeignet sind, teure Gläser zu sprengen.
„Wir tun´s! Her mit Deo!“
Die huldvolle Übergabe der alles entscheidenden Waffe geht im Applaus unter, den Hermes, Kikki und ich spenden.
Dann ist es auf einmal so weit.
„Wenn ihr denkt, dass rennen gut ist, rennt!“, weist uns Haupt Nummer Zwei an, während beide Köpfe das Deospray so zwischen sich arrangieren, dass Kopf Nummer Eins die Flasche fixiert und Kopf Nummer Zwei den Sprühkopf drücken kann.
Nachdem er sich noch einmal bei dem von uns Streicheleinheiten abgeholt hat, wirft sich der Papillonmischling todesmutig ins Getümmel. Hermes öffnet die Tür zu Cerberus` heimeliger Lagerstatt. Puschel zischt hindurch. Und wir harren des ungleichen Kampfes.
Zunächst nähert sich unser Fellbündel dem Fleischberg. Und zum ersten Mal kommt mir Puschel wirklich wie ein Schoßhündchen vor. Drei gigantische Wolfsköpfe belauern mit zuckenden Ohren seinen unterwürfig gewinselten Chorgesang.
Auf ein geheimes Zeichen, das menschlichen Augen und Ohren verborgen bleibt, geht der Punk ab. Puschel fiept und rast bellend auf seinen kurzen Beinchen los, immer im Kreis um seinen großen Spiel- oder Kampf- oder Was-auch-immer-Gefährten herum.
Drei Köpfe zucken, um den plüschigen Wirbelwind zu fangen, doch jedes Mal, wenn ein Fangzahn Puschels duftendes Fell streift, senkt sich seifiger Nebel über die Furcht einflößenden Schnauzen des Höllenhundes. Sofort zuckt sie zurück.
Aber obwohl Cerberus`Köpfe den Deoattacken anscheinend gesunden Ekel entgegenbringen, lassen sie dennoch nicht von dem spielfreudigen Herausforderer ab. Der gerät jedoch langsam aber sicher außer Puste und mir wird klar, dass wir nicht zu lange warten dürfen.
Also atme ich tief durch und winke den anderen. Monique an meiner Seite wissend, husche ich durch die Tür und eile so unauffällig wie möglich an dem bestialischen Berg caniner Potenz vorbei. Zum Schleichen ist keine Zeit. Ich verlasse mich auf den Krach, den Puschel veranstaltet, und hoffe das Beste. Trotz allem schlägt mein Herz bis zum Hals, wenn das so weitergeht, bringt mich ein Infarkt gleich zurück in den Hades. Die Zeit dehnt sich. Sekunden werden zu Zeitaltern, als Cerberus` Köpfe unisono ein weltenerschütterndes Donnerbellen vom Stapel lassen, das sicher ganze Wolkenkratzer dem Erdboden gleichmachen könnte.
Doch dann ist es auf einmal geschehen. Ich habe die andere Seite erreicht. Sehe ein grün gestrichenes Gartentor, das an einen lichten Ort führt.
‚Bitte, lass es das gewesen sein‘, flehe ich jede höhere Macht an, die zuhören will, als ich das Tor aufreiße und mit einer keuchenden Monique hindurchtaumle. Hinter uns verwandelt sich das höllische Bellen in wütendes Knurren, und nur wenig später in ein Winseln, als Kikki und Calypso und nicht zuletzt Hermes und ein nebelhafter Schatten ebenfalls durch die Tür drängen.
Rauer Seewind pfeift uns um die Ohren. Nasses Holz ächzt unter unseren Füßen und fauliger Salzgeruch füllt unsere Nasen. Dichter Nebel verbirgt die Konturen ineinander verkeilter Schiffsrümpfe. Wir sind zurück auf dem Wracksfriedhof. Was eben noch eine Gartentür war, ist nun ein Riss in einer Bordwand. Ich möchte die algenübersäten Planken küssen.
Aber trotz aller Freude stelle ich fest, dass wir ein Problem haben.
„Was ist mit Puschel?“, frage ich den Diebesgott.
„Der kommt klar.“ Hermes winkt ab. „Ich glaube zuletzt war er gerade dabei, Cerberus` Schnauze zu lecken. Wo Cerberus ihn abgeleckt hat, willst du nicht wissen.“
„Aber etwas anderes solltest du wissen.“ Auf einmal ist Odysseus hinter mir. Eiskalte, substanzlose Hände umschlingen meinen Brustkorb und greifen nach meinem Herzen. „Ich habe es wirklich auf die freundliche Art versucht. Aber glaubst du etwa, ich verzichte auf meine Chance, wieder einen Körper zu besitzen? Ich hole mir nun, was mir zu steht.“
„Das war so nicht abgesprochen!“, presse ich hervor. Zugleich lässt Todeskälte meinen Atem gefrieren und legt sich wie Eis auf meine Lunge „Das ist ein ganz mieser Trick!“, röchle ich.
„Ich bin der Godfather of miese Tricks, mein Junge“, kichert das Gespenst und erneut spüre ich, wie das Leben aus mir hinaus gleitet und zugleich ein anderes hineinfließt.
Ich höre Monique schreien und auch Kikki ruft meinen Namen. Calypso brabbelt etwas über Moment des Wiedersehens und das richtige Styling, aber ich entferne mich rasend schnell von der Realität, falle, versinke im Schatten, bis …
… Odysseus aufbrüllt. „Nicht der Spiegel!“
Als mein Hirn wieder fähig ist, mannigfache Umwelteindrücke in einer sinnvollen Abfolge zu präsentieren, liege ich auf den Planken, die ich eben noch küssen wollte. Mein Kopf ruht in Moniques Schoß. Vor mir steht Calypso und betrachtet neugierig den Handspiegel, den Hektor ihr geschenkt hat.
Daraus erklingt eine vertraute Stimme. „Hektor. Ich hasse ihn! ER hat dir das gegeben. Das ist ein Seelenfänger, du Närrin! Wie kannst du mir so in den Rücken fallen?! Zerstör das Ding und lass mich frei!“
„Niemals!“ Calypso kichert und presst den Spiegel an ihren Busen. „Endlich ist unsere Beziehung perfekt. Du kannst wie früher meine Schönheit bewundern, während ich dir was erzähle. Und wir können reden und reden und reden. Eine Ewigkeit lang!“
„Nein! Nein! Nein! Zerstör den Spiegel! Vernichte meine Seele, wenn du willst, aber nicht das!“
„Quatsch, ich werde oft und gerne in diesen Spiegel schauen.“ Zufrieden richtet sich die Nymphe ihr Haar.
„Seh` ich da erste Fältchen um die Augen?“, höhnt Odysseus.
„Wie? Niemals!“
Die Konversation degeneriert zum Austausch von Schimpfworten und ich verliere den Anschluss. Kikki setzt sich zu mir, während ich genieße, dass Monique meine Schultern massiert. Schönes Leben eigentlich. Hermes lässt sich ebenfalls in Schneidersitz bei uns nieder und hebt einen Daumen.
„Gute Aktion“, lobt er.
„Nur schade, dass wir nichts für Hubertus und Johann tun konnten.“ Zum ersten Mal wird mir klar, dass wir diese beiden Reisegefährten für immer verloren haben.
„Ach, mach dir keen Stress.“ Kikki klopft mir auf die Schulter. „Die sind nich` tot.“
„Wie bitte?“
„Ick hab` in Hades` Datenbank jeschaut. Da warn keene Einträge.“
„Das heißt, sie sind nicht gefressen worden? Sind sie etwa noch hier?“
„Famutlich.“
In diesem Augenblick knackt das morsche Holz unter uns beunruhigend laut. Von überall dringt das Geräusch brechender Planken zu uns herüber. Der allgegenwärtige Wind gerät in Partylaune und wechselt seine Richtung im Sekundentakt.
Wir springen auf. „Was geschieht hier?“
Aus dem Spiegel ertönt ein gehässiges Lachen. „Was denkt ihr? Es war mein Zauber und mein Wille, der diesen Ort erschaffen hat, um dich in die Unterwelt zu geleiten. Und nun, da ich ihn nicht mehr brauche, kann er von mir aus vor die Garnelen gehen. Und ihr meine Lieben auch.“
Der Wind treibt den Schiffsfriedhof auseinander. Das bedeutet, dass wir schnell von hier weg müssen. Aber müssen wir nicht auch Johann und Hubertus suchen, in der Hoffnung, dass sie wirklich noch hier sind? Was soll ich tun?
Fliehen?
Oder Johann und Hubertus suchen?
Was soll unser Held nun machen?
Die Abstimmung läuft noch bis zum 01.08.2010 23:59.

