Die Memmen des Meeres - Der Corona-Fortsetzungsroman

von Carolina Möbis

Zum besseren Verständnis: Dieser Corona-Fortsetzungsroman ist interaktiv, denn hier spielt der Corona-Leser mit! Wie früher in einem dieser alten Abenteuerspielbücher bestimmen Sie die Handlung. (Sie wissen schon: Wie damals in "Die absolut tödliche Insel des fürchterlichen Schreckens" und so weiter.) Aber anstatt zur Seite 170 oder 91 weiterzublättern, helfen Sie unserem Helden bei seinen Entscheidungsschwierigkeiten mit der Abstimmung unter dem aktuellen Kapitel. Seien Sie die flüsternde Stimme im Wind und lesen Sie das Ergebnis in der nächstes Ausgabe des Corona Magazine.

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27. Kapitel

„Einen wunderschönen immerwährenden Abend, die Damen.“ Mit dem routinierten Charme des geübten Verführers ließ Hermes seine blendend weißen Zähne inmitten eines umwerfenden Lächelns blitzen. „Was kann ein einfacher Götterbote für die hinreißenden Grazien tun?“
„Hast du meine neueste Lieferung?“, fragte Calypso mit bebenden Lippen.
Der Gott hob die Schultern. „Leider, nein, die neue Staffel ist noch nicht draußen. Aber wenn du willst, kann ich dir eine Kopie der Drehbücher besorgen.“
„Ach nein, lass nur, die DH muss man einfach auf Zelluloid sehen.“
„Das heißt heute Blue-ray, Baby.“
Monique vermisste die Landkarte zum Gespräch.
„DH?“
„Desperate Housewives. In brandaktuellem Format. Möchtest du auch eine Staffel ordern, Liebes?“
Moniques Stimme versagte. Sie räusperte sich. „DVDs?“
„Blue–ray“, korrigierten Hermes und Calypso unisono.
„Sind wir nicht wegen Daniel hier?“
„Oh ja.“ Calypso kicherte. „Daniel. Und Odysseus, dazu kommen wir gleich.“ Die Nymphe wandte sie den Blick nicht vom Götterboten. „Du hast nicht zufällig …“
„Die neue Yves Saint Laurent Peeling Crème dabei? Natürlich, Liebes.“ Hermes zückte eine in edlem Gold und grün bedruckte Plastiktube aus der scheinbar leeren Innentasche seines Sakkos. „War schwer zu bekommen, immerhin kommt sie erst in einem halben Jahr auf den Markt.“
„Oh, das ist göttlich! Du bist ein Schatz“. Die Nymphe nahm das Pflegeprodukt wie biblisches Manna entgegen. Sie bestaunte es wie Gollum seinerzeit Saurons Ring.
„Ich weiß“, Hermes reckte die Schultern, während er es sich auf der Bahre bequem machte. „Noch mehr als meine Fähigkeit, alle erdenklichen Bedürfnisse zu decken, schätzen Kunden meine Kreativität bei der Produktauswahl. Ich rechne das über die Bonuspunkte deiner Clubkarte ab.“
„Sicher doch.“ Calypso nickte. „Dann lohnt es sich wieder, zu sammeln.“
„Es lohnt sich immer. Und falls auch du Bedarf hast, holde Maid …“ Hermes griff sich ans Revers, dann schwebte eine Visitenkarte zu Monique herüber. Es fiel ihr leicht, das bedruckte Stück Karton aus der Luft zu fischen.
 
Hermes – Import/Export, stand dort in Kombination mit einer Handynummer. Was immer du brauchst, ich besorg´s dir.
 
„Ich bin schon lange im Logistikgeschäft. Drüben bei euch habe ich meinen eigenen Paketdienst. Nebenbei versorge ich ins Nebelmeer exilierte Unsterbliche mit unverzichtbaren Produkten des täglichen Bedarfs. Wäre doch bedauerlich, wenn eine ganze Welt nicht an den Errungenschaften der Konsumgesellschaft teilhaben sollte“, erklärte der Gott freundlich.
Monique nickte verwirrt.
Hermes´ Aufmerksamkeit wanderte wieder zu Calypso. „Deine Anwesenheit hier in diesen düsteren Hallen, Tochter des Atlas, noch dazu in Begleitung einer Sterblichen, verblüfft sogar mich. Ich hatte eigentlich Charon erwartet.“
„Meister kommt gleich.“ Puschel legte seine zwei Schnauzen auf Hermes´ Oberschenkel. Der Gott kraulte das Höllenhundchen.
„Bin ja auch früh dran. Während ich mir eine Zigarettenpause gönne, lausche ich gern dem Anliegen, das Eos´ liebliche Schwestern hergeführt hat.“
Tatsächlich zog Hermes aus der scheinbar leeren Anzugtasche ein silbernes Etui hervor. Elegant wanderte eine Zigarette in seinen Mundwinkel. Ein Feuerzeug und ein kräftiger Atemzug brachten sie zum Glimmen. Hermes inhalierte den Rauch genussvoll. Die Asche klopfte er an einer mit großen Lettern beschrifteten Schautafel hinter sich ab. Der Schriftzug auf der Tafel informierte Rauchen verboten!
„Also, ich höre?“
„Wir kommen wegen meines Freundes – Bekannten – Daniel“, begann Monique.
„Es ist wegen Odysseus“, fiel ihr Calypso ins Wort.
Hermes hob eine Augenbraue. „Nein, wirklich?“
„Ich weiß, dass Odysseus irgendeine Gaunerei ausgeheckt hat.“ Calypso stampfte mit einem Fuß auf.
„Wie immer also.“ Eine weitere Portion Asche rieselte an der Tafel herab.
„Das muss eine groß angelegte Sache sein. Eine Intrige von Jahrhunderten. Und sie zielt auf so einen armen Jungen, der von nichts eine Ahnung hat. Gerüchteweise ein Nachkomme des alten Schwerenöters.“ Ein koketter Schwung der Handtasche unterstrich das Gewicht der Aussage.
„Und?“
„Und der arme Junge ist jetzt hier. Ich habe ihm eine Nachricht geschickt. Ich habe sogar eine Freundin von ihm, - naja, entführt kann man das nicht nennen, wir sind ja BFF – auf meine Insel geholt und hoffte, dieser Junge stattete mir einen Besuch ab. Aber nichts. Nada. Wieder einmal mussten wir warten. Das ist die Treue von Ithaka. Erst wird man angehimmelt, dann vergessen. Wir beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Aber da war es schon zu spät. Unter den Lebenden war er nicht mehr zu finden. Also mussten wir unter den Toten suchen. Und wie sich herausstellte, lag ich richtig. Monique hätte diesen Jungen aus mir persönlich unverständlichen Gründen gern wieder, und da haben wir den Plan gefasst, uns seines Körpers zu bemächtigen. Vielleicht lässt er sich ja dann irgendwie ins Leben zurückrufen.“
„Ein beeindruckender Plan“. Der Gott drückte die Zigarette aus. Eine letzte anmutige Rauchwolke verließ seine Lippen. „Wann war denn eigentlich das letzte Mal, dass jemand eine Seele aus dem Hades befreite?“
Calypso schwieg. Sie runzelte die Stirn. „Noch nie, glaube ich.“
„Glaube ist immer gut. Und du liegst sogar richtig. Was sagt uns das?“
„Dass es noch nicht oft versucht wurde?“
„Dass es nicht gelingen kann. Noch nie, in Worten NIE, entriss man Hades, was sein war.“
Moniques Hoffnung sank in ozeanische Tiefen. Calypso hatte behauptet, einen Plan zu haben. Nun stellte sich heraus, dass die Nymphe wie viele überschätzte Fachleute keine Ahnung von dem hatte, was sie tat.
„Kannst du uns nicht helfen?“ Monique übte ihren besten Augenaufschlag. „Du bist ein Gott.“
Hermes lachte wohlklingend und zwinkerte ihr zu. „Wenn Götter Tote beleben könnten, dann hätte der Trojanische Krieg dreihundert Jahre gedauert und unser Musen-Phöbus ein glückliches Liebesleben. Bedauere, aber so funktioniert das nicht.“
Gerade als Monique zu einer leidenschaftlichen Antwort ansetzte, erklangen hinter ihr schlurfende Schritte. „Es ist verboten, sich in diesem Bereich des Lagers ohne entsprechende Schutzkleidung aufzuhalten“, schnarrte eine Stimme.
Hermes lächelte an Monique vorbei. „Charon, alter Dracula, dich habe ich gesucht. Wie ist die Lage?“

***

„Ach Daniel, du ooch hier? Na dit is ja ne Überraschung!“
„Kikki, was …“
„Wat ick hier tu? Na ick hab gleich wat inna Verwaltung bekomm. Da hamse Stellen jesucht. Und weil ick mir mit Papierkriech jut auskenn, hab ick die Stelle vom Fleck weg jekricht. Ick bin zwar noch inna Lernphase, aber keene Angst, ick werd mir schon jut um dir kümmern. Herzliches Beileid übrijens zu deim Tod.“
Kikki lächelte liebenswürdig. „Aber nu spiel ma nicht die janze Zeit Arbeiterdenkmal, sondern nimma Platz.“
Unfähig diesen Schwall Berliner Mundart oder dessen Inhalt zu kommentieren, lasse ich mich auf einen Besucherstuhl plumpsen. Hektor und Odysseus tun es mir gleich. Vielleicht liegt es an Kikkis lebhafter Präsenz, aber auf einmal sind wir alle wieder der Illusion der Körperlichkeit unterworfen.

Was soll unser Held nun machen?

Ich trinke den Kaffee. [12]
[80%]
Ich trinke den Kaffee nicht. [3]
[20%]
Stimmen insgesamt: 15

Die Abstimmung lief bis zum 15.01.2010 23:59.

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