There was a barber and his wife... – Tim Burtons Sweeney Todd
von Christian Spließ
Hierzulande wird man mit "Sweeney Todd" nicht viel verbinden. In England ist die Geschichte von "Sweeney Todd, the Demon Barber of Fleet Street" allerdings Teil der Folklore. Dabei hat die Wissenschaft bisher keine Beweise für die Existenz einer realen Person namens Sweeney Todd, der sein Geschäft in der Fleet Street gehabt haben soll. So ist es auch durchaus passend, dass seine Geschichte nicht in den historischen Akten von Old Bailey auftaucht sondern als erstes in den sogenannten "Penny Dreadfuls", den englischen Vorläufern für die heutigen Heftromane. Die Geschichte des Barbiers, der seine Kunden tötete und mit seiner Verbündeten Mrs. Lovett den Londonern Fleischpasteten mit einer ganz besonderen Füllung – ebendiese Kunden – präsentierte wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrmals in Szene gesetzt. Am 18.07. erscheint nun die bisher letzte, mit einem Oscar ausgezeichnete, Verfilmung des Stoffes auf einer Doppel-DVD – wobei Tim Burton nun nicht eines der zahlreichen Theaterstücke in Szene gesetzt hat sondern auf das Werk von Stephen Sondheim zurückgriff.
Sweeney Todd – die Musical-Vorlage
Dabei kommt das Musical von Stephen Sondheim Tim Burton durchaus entgegen, hat Stephen Sondheim zusammen mit Hugh Wheeler doch eine Theaterfassung von Christopher Bond für die Musicalbühne adaptiert, die alle bekannten Aspekte des Stoffes zusammenfasste. "Sweeney Todd" als Meisterstück von Stephen Sondheim zu bezeichnen ist nicht übertrieben. Das Musical von 1979 lief immerhin 557 Mal in Folge, nachdem die Besucher der Premiere reihenweise den Saal verließen aufgrund der Grauenhaftigkeit der Handlung. Es gewann in dem Jahr drei Tonys – darunter den für das beste Buch und die beste Originalmusik. Dabei changiert das Musical zwischen Horror und Groteske, gewürzt mit einem sehr eigenem Humor, der das grauenhafte der Handlung zwar dämpft aber der nie vergessen lässt, dass "Sweeney Todd" sehr in der Tradition des Helden der griechischen Tragödie steht. Während aber in der griechischen Tragödie der Held stets die Götter gegen sich hat, die verhindern dass er ein glückliches Leben führt, so ist Sweeney Todd letztendlich jemand, der an den den Umständen und teilweise auch an sich selber scheitert. Fürwahr, es ist ein dunkler und sinistrer Gott, dem Sweeney Todd da dient – der Rache selbst.
Stephen Sondheim geht den Stoff dabei fast wie eine klassische Oper an – es gibt nur wenige Pausen in diesem Musical, fast alles ist durchkomponiert, selbst unter den wenigen gesprochenen Dialogen liegt immer ein Musikteppich. Musikalische Motive für die einzelnen Personen verweben sich dabei in durchaus Wagnerscher Art, ohne jetzt direkt Leitmotive zu sein, zu einer Partitur, die ohne Frage zu einer der besten gehört, die das Musical zu bieten hat. Als Beispiel seien genannt Sweeney Todds geistesgestörte Frau, deren etwas schrilles Geigenmotiv schon in der Ouvertüre zu hören ist und immer mal wieder an entscheidenden Stellen ebenso wie das Quartett "Joanna" oder das walzerhafte "A little Priest", das vor Wortwitz nur so sprüht. Denn bei all der meisterhaften musikalischen Finesse: Ohne die geistreichen und intelligenten Songtexte wäre "Sweeney Todd" sicherlich nicht das, was es ist. Eben Sondheims Meisterstück.
Tim Burtons Verneigung vor Murnau und Co.
In aller erster Linie ist "Sweeney Todd" von Tim Burton eine große Verbeugung einerseits an das expressionistische deutsche Kino der 30ger Jahre und andererseits an die frühen Horrorfilme Hollywoods. Nicht nur, dass Tim Burton beim Makeup von Sweeny Todd – Johnny Depp – und Mrs. Lovett – Barbara Bonham-Carter – sich bewußt an die Gegebenheiten der Stummfilmära anlehnt. Die dunklen Ringe unter den Augen, die bleichen Gesichter der Hauptfiguren. Burton übernimmt sogar einige Elemente, die typisch für einen Murnau sein könnten: Die sehr weiten Einstellungen etwa, die dem Song "My Friends" vorangehen ebenso wie einige Einstellungen des am Computer generierten Londons. Denn keine der zahlreichen Szenen ist an Originalschauplätzen entstanden. Stattdessen hat man, was "Sweeney Todd" nun wiederum mit den frühen Hollywood-Gruselfilmen wie "Dracula" von 1930 verbindet ein künstliches London im Studio nachgebaut und natürlich mit CGI-Effekten ein wenig nachgeholfen.
Überhaupt: Im digitalen Zeitalter ist es heutzutage keine Kunst mehr Bilder künstlich altern zu lassen oder die Farbeinstellungen zu manipulieren. Ein Beispiel ist Peter Jacksons "Herr der Ringe". Auch Tim Burton hat, wie man in den Making-Ofs der Doppel-DVD sieht, zu diesem Mittel der künstlichen Bearbeitung gegriffen. Breite, verschwenderische Farben kennzeichnen die Stellen als Sweeny Todd glücklich war und später wird Burton nur zwei weitere farbenfrohere Stellen in den Film einbauen – der Auftritt des vermeintlichen Italieners Pirelli, der allerdings auch musikalisch durchaus eine Bravourleistung von niemand geringerem als Sascha Baron Cohen ist. Eine Leistung, die man von dem Borat-Darsteller gar nicht erwartet hatte. Und bei der Phantasie von Mrs. Lovett, "By the Sea", die nochmal deutlich herausstreicht dass es für die beiden Hauptfiguren eigentlich gar keine heitere Zukunft geben kann. So deplatziert wirken sie in dieser farbenfrohen Umgebung eines typisch englischen Seebades. Diese künstliche Verdüsterung des Films, die Burton vornimmt, passt allerdings hervorragend zum Sujet.
Dabei hat sich Burton, was das Blut anbelangt sehr zurückgehalten. Sicherlich, die Ermordung von Pirelli ist sehr drastisch dargestellt – was dem Film hierzulande wohl die Einstufung ab 16 Jahren eingebracht haben sollte, aber die späteren Morde werden allenfalls nebenbei beihandelt ohne viel zu zeigen. Nur zum Schluss, als Sweeneys eigenes Blut über die Leiche seiner Frau tropft wird Burton wieder etwas drastischer.
Für seine Verfilmung hat Tim Burton übrigens die Musical-Vorlage von Stephen Sondheim um einige Stellen gekürzt und einige Songs – wie zum Beispiel um das Duett "Kiss me" und das folgende gleichnamige Quartett – ganz herausgestrichen.
Die Special-Edition-Doppel-DVD-Ausgabe
Am 18.07. erscheint nicht nur die Einzel-DVD-Ausgabe von Tim Burtons "Sweeney Todd", ebenso wie die Bluray-Ausgabe sondern auch die Special-Edition-Ausgabe, die auf einer DVD den Film selbst, auf der anderen DVD eine wahre Augenweide von Specials vereinigt.
Neben dem obligatorischem Blick hinter die Kulissen gibt es nicht nur zwei Specials, die sich ausgiebig mit dem Mythos und der realen Geschichte von Sweeney Todd selbst befassen und einen Blick auf die "Penny Dreadfuls" werfen. Auch Stephen Sondheim selbst wird zu seinem Musical interviewt und erzählt, wie er auf die Idee zu "Sweeney Todd" kam. Daneben gibt es einen Blick auf das historische London, in dem die Geschichte von Todd spielt – das Design der Film-Kostüme wird ebenso gewürdigt ebenso wie die bluttriefenden Spezialeffekte. Kenner des Genres werden allerdings besonders entzückt sein über eine Featurette über das "Grand Guignol" und dessen Geschichte. Durchaus passend für das Thema. Eine Diashow und eine Photo-Gallery runden das überreiche Angebot ab. Ob auch ein kleines Booklet wie bei der Region-3-Variante dabeisein wird? Mag sein, dass dieses kleine Gimmick dann der Steel-Box-Variante vorbehalten sein wird.
Wer danach nicht genug von Sweeney Todd bekommen kann, der sollte sich zum Vergleich mal die Version anschauen, die 1982 während der US-Tournee des Musicals aufgenommen wurde. Zwar kommt die Import-DVD mit deutschen Menüs daher, aber ohne deutsche Untertitel. Und man sieht, dass man hier nur das Bild der VHS-Version auf DVD gepresst hat. Dafür allerdings ist diese Fassung recht günstig zu haben. Und man bekommt einen Eindruck davon, wie die Original-Inszenierung am Broadway ausgesehen hat. Eine sehr dynamische Inszenierung, die sehr viel mit Elementen wie Rollwägen und transportablen Gerüsten arbeitet. Angela Lansbury und George Hearn sind hier in den Titelrollen zu sehen und es ist durchaus eine Geschmacksfrage welchen Sweeney Todd man bevorzugt. Wobei Angela Lansbury durchaus eine eindrucksvolle Leistung aufs Parkett legt. Diese Fassung ist ab 12 Jahren freigeben.
Alles in allem ist "Sweeney Todd" ein Film, der erstens in keiner Burton-Fan-Sammlung fehlen sollte – andererseits ist es mit Sicherheit eines der besten Filmmusicals der letzten Zeit.
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