Es ist so weit! Gemeinsam mit Guillermo del Toro ist Peter Jackson wieder auf dem Weg nach Mittelerde. Zusammen mit dem mexikanischen Regisseur, der ein Faible für das Phantastische hat, will Jackson in zwei Teilen die Verfilmung des „Hobbits“ stemmen. Ian McKellen hat seine Teilnahme bereits zugesagt, und man darf hoffen, dass auch viele andere bekannte Gesichter vor und hinter der Kamera wieder mit von der Partie sein werden. Aber bevor wir diesem Weg nach Mittelerde folgen, der natürlich wieder den kleinen Umweg über Neuseeland nimmt und dessen Ankunft in den Kinos weltweit 2011 erwartet wird, schlagen wir erst noch einen anderen ein, der uns zeigt, wie alles begann und Tolkiens unvergleichliches Epos seinen Anfang nahm.
Folgen wir also zunächst einmal Tom Shippey, einem der renommiertesten Tolkien-Experten weltweit, auf seinem Weg nach Mittelerde. Bereits in jungen Jahren wandelte Shippey, der Professuren für Sprachwissenschaft und Mediävistik innehat, auf dessen Spuren: Er besuchte dieselbe Schule, lehrte noch zu Tolkiens Zeit in Oxford und übernahm von ihm dessen Lehrstuhl für Literatur in Leeds. Was lag da näher, als sich auch mit Tolkiens Werk eingehender zu beschäftigen?
Bereits im Jahr 2000 erschien sein vortreffliches Buch „J. R. R. Tolkien. Autor des Jahrhunderts“, in dem Shippey die Entstehung des „Hobbits“ und des „Herrn der Ringe“ beschreibt sowie eine Analyse der Handlung und ihrer verschiedenen Sprachebenen vornimmt. Ebenfalls bei Klett-Cotta ist nun Tom Shippeys Standardwerk für alle Tolkien-Kenner und solche, die es werden wollen, neu aufgelegt worden: „Der Weg nach Mittelerde“ wurde im Original bereits 1982 erstmals veröffentlicht. Seitdem ist in Mittelerde und darum herum bekanntlich viel passiert. 1992 versuchte Shippey einiges von diesem neuen Material – namentlich die von Christopher Tolkien herausgegebenen Bände zur „History of Middle-earth“ – in einer Neuauflage zu berücksichtigen und in seine Untersuchung von Tolkiens Kosmos zu integrieren. Dieses Jahr legt Klett-Cotta dankeswerter Weise erstmals auch auf Deutsch die 2005 noch einmal erweiterte und bearbeitete Fassung dieses Standardwerkes der Tolkien-Forschung vor. Shippey setzt sich darin jetzt auch mit Peter Jacksons Film-Trilogie auseinander.
Das Wort bezeugt die Echtheit des Gegenstandes
„Wie J. R. R. Tolkien ‚Der Herr der Ringe’ schuf“ – so lautet der Untertitel von Shippeys detaillierter Analyse, die sich in neun Kapitel sowie drei Anhänge gliedert. Im ersten Kapitel widmet sich der Autor ausführlich den literarischen Einflüssen auf Tolkiens Schaffen und – was noch viel wesentlicher in Bezug auf die Entstehung ist – Tolkiens philologischem Hintergrund. Tolkiens Liebe zu Sprachen, seine spielerische und gleichzeitig hoch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen sowie seine eigenen Sprachschöpfungen ziehen sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk.
Detailliert klopft Shippey Einflüsse und Bedeutungen ab, um sich im zweiten Kapitel eingehender mit den konkreten „philologischen Spuren“ zu beschäftigen. Tolkien schuf sich seine eigene Welt, eine Welt aus Sprache. Namen sind – nicht nur, aber insbesondere - für Fantasy-Geschichten außergewöhnlich nützlich. Dadurch dass die Dinge, die sie benennen, deren Natur und Geschichte sie widerspiegeln, wirklich existieren, verleihen sie der Fantasy die erforderliche Bodenhaftung. Als Philologe glaubte Tolkien an „die Wirklichkeit einer Geschichte“, daran, dass in jeder Geschichte etwas Tieferes, etwas wahrhaft Poetisches durchschimmert. Diesen „Schimmer der Suggestion“ versuchte er im „Herrn der Ringe“ greifbar zu machen, indem er die „innere Stimmigkeit der Wirklichkeit“ zum Ausdruck brachte - oder in diesem Falle die innere Stimmigkeit der sekundären Welt der Kunst.
Ganz anders sehen es dagegen Tolkiens Kritiker, die – im Kapitel „Verflechtungen und der Ring“ - dem „Herrn der Ringe“ eben diese „emotionale Wahrheit über die menschliche Natur“ absprechen und behaupten, das Buch entspreche nicht „dem grundlegenden Charakter der Wirklichkeit“. Shippey führt sehr schön aus, dass diese konträren Meinungen im Prinzip auf zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen über die Natur der Welt zurückzuführen sind. Er führt Tolkiens Weltsicht an zentralen Elementen der Handlung aus und belegt, dass sie keinesfalls eskapistisch oder gar gedankenlos ist.
Auch der von Tolkien ungeliebten Allegorie bzw. dem symbolhaften Charakter der Handlung schenkt Shippey seine Aufmerksamkeit. Er macht wiederkehrende Motive und Strukturen aus und weist auf „die ungewöhnliche kulturelle Tiefe“ hin, die dem „Herrn der Ringe“ eigen ist. Ja, im Kapitel „Über Stock und Stein“ bringt er es sogar fertig, Tolkien und Shakespeare in einem Atemzug nennen. Natürlich geht es Shippey dabei nicht um eine vergleichende literarische Wertung der beiden Autoren, sondern er nimmt die Gegenüberstellung zum Anlass, sich eingehend mit Tolkiens Stil und mythologischer Konzeption zu beschäftigen. Mit der Mythologie Mittelerdes an sich setzt sich dann auch das siebte Kapitel „Visionen und Revisionen“ auseinander, das sich hauptsächlich auf das „Silmarillion“ konzentriert und dessen Einfluss auf Tolkiens weitere Werke nachvollzieht.
Der Schlüssel zu Tolkiens Welt
Nach detailliertem Quellenstudium und Herleitung einzelner Namen und Motive geht Shippey im Kapitel „Der Bürger als Meisterdieb“ auch konkret auf bestimmte thematische Zusammenhänge, Erzählstränge sowie Figuren und Ortsnamen ein. Daraus abgeleitet ergibt sich wie von selbst die tiefere Bedeutungsebene der Geschichte. Es ist faszinierend, was sich allein an der Sprache alles festmachen lässt! So detailliert und vor allem kenntnisreich war selten mehr über die Entstehung Mittelerdes zu lesen. Jedes noch so kleine Detail wird von Shippey akribisch abgeklopft, ob seiner Herkunft durchleuchtet und mit geradezu detektivischem Spürsinn in Tolkiens Kosmologie eingeordnet. Und dabei ist das Ganze so spannend zu lesen wie „Der Herr der Ringe“ selbst!
„Der Weg nach Mittelerde“ ist alles andere als trockene Sekundärliteratur, durch die es sich mühsam durchzuquälen gilt. Im Gegenteil – Shippeys äußerst erkenntnisreiche Analyse liest sich sehr flüssig und stets unterhaltsam. Man folgt nur zu gerne seinen „Wanderungen auf der Karte“, die aus einem reichen Fundus an Wissen schöpfen. Ein kleines, feines Kapitel ist Shippey mit „Wenn der Zauber vergeht“ gelungen. Hier beschreibt er Tolkiens persönlichen Weg nach Mittelerde. Womit hat er sich in den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens nach der Veröffentlichung des „Herrn der Ringe“ beschäftigt? Wie war seine persönliche Einstellung zu seinem Werk? Ein tiefer Einblick in das Innenleben des Autors, das gerade in seinen letzten Lebensjahren auch von Selbstzweifeln und düsteren Gedanken geprägt war. Äußerst interessant ist auch das abschließende Kapitel „Im Verlauf der tatsächlichen Abfassung“, in dem sich Shippey höchst unterhaltsam mit den verschiedenen Entwicklungsstadien und Schaffensperioden befasst, die Tolkiens Geschichten durchliefen, während sie einem fortwährenden Prozess des Herumprobierens unterzogen wurden. Dabei beruft sich Shippey natürlich hauptsächlich auf die zwölf Bände der „History of Middle-earth“, die bislang nur im Original vorliegen.
Abgerundet wird Shippeys mit 529 Seiten wahrhaft gewichtiges Werk durch drei Anhänge, die zum einem Tolkiens literarische Quellen, zum anderen vier ausgewählte Gedichte aus Tolkiens lyrischem Schaffen vorstellen. Anhang C widmet sich auf 22 Seiten Peter Jacksons Verfilmungen, wobei Shippey vorrangig auf die Unterschiede zwischen Filmfassung und Büchern eingeht und sehr interessant ausführt, wie Tolkien zu den Veränderungen gestanden hätte. Natürlich geht er in seiner Analyse davon aus, dass zunächst einmal die Bücher bekannt waren.
Zum Schluss aber stellt er sich die Frage, wie es wohl für jemanden ist, der erst die Filme gesehen hat und sich nun – sozusagen in einer neuen Richtung – auf den Weg nach Mittelerde macht. Es gibt immer noch viel zu entdecken, machen wir uns auf den Weg!
Der Ex-Rapper Mark Wahlberg, geboren in Massachusetts im Juni 1971, ist ein Oscar-nominierter Schauspieler und gewann den BAFTA-Award als Produzent. Seine ersten Gehversuche machte er als Mitglied der erfolgreichen Band "New Kids on the Block" an der Seite seines älteren Bruders Donnie. Mark trennte sich von der Band um "Marky Mark and the Funky Bunch" zu gründen, die mit "Good Vibrations" einen Nummer-Eins-Hit in den Billboard-Charts aufweisen konnte.
Sein gutes Aussehen verschaffte ihm die berühmte Calvin-Klein-Werbekampagne, die vom berühmten Fotografen Herb Ritts in Szene gesetzt wurde. Wahlbergs Filmkarriere begann mit Penny Marshalls "Renaissance Man", "The Basketball Diaries" und an der Seite von Resse Witherspoon in "Fear". Seinen Durchbruch gelang ihm mit "Boogie Nights", der Wahlberg als eines der viel versprechendsten Schauspielertalente Hollywoods etablierte.
Später folgten "Three Kings", "The Perfect Storm" mit George Clooney und "The Italian Job" mit Charlize Theron. Während seiner Karriere arbeitet Wahlberg für visionäre Filmemacher wie David O. Dussell, Tim Burton und Paul Thomas Anderson.
Zu Wahlbergs aktuelleren Projekten zählen "We Own The Night", in dem er an der Seite von Joaquin Phoenix und Robert Duvall zu sehen war. Er war auch als Produzent für dieses Projekt tätig. Für seine Darstellung in Martin Scorceses "The Departed" erhielt Wahlberg eine Nominierung für die Beste Männliche Hauptrolle. Andere derzeitige Projekte sind unter anderem Antoine Fuquas Thriller "Shooter", die Fußballbiografie "Invincible" mit Greg Kinnear und John Singletons "Four Brothers". Demnächst wird er im "Max Payne" zu sehen sein, eine Verfilmung des Computerspiel-Bestsellers und in Peter Jacksons "The Lovely Bones".
Wahlberg ist Executive Producer von HBO's "Entourage", für diese Projekt erhielt er drei Golden-Globe-Nominierungen, sieben Emmy-Nominierungen und einen BAFTA-Award.
2001 gründete Wahlberg als überzeugter Philantrop die "Mark Wahlberg Youth Foundation", eine Organisation, die den Jugendlichen in den Großstädten Amerikas hilft. Er hat zwei Kinder.
In "The Happening" spielt Wahlberg die Rolle des Philadelphier High School Lehrers Elliot Moore, der zusammen mit seiner Frau Alma (Zooey Deschanel), seinem besten Freund Julian (John Leguizamo) und Julians acht Jahre alter Tochter Jess (Ashlyn Sanchez) durch ein unerklärliches und unaufhaltbares tödliches Phänomen aus der Stadt fliehen muss.
Während ihrer Flucht in die ländlichen Gebiete Pennsylvanias - mit der Hoffnung dieser unsichtbaren Bedrohung zu entkommen - erkennen sie bald, dass es die Kräfte der Natur selbst sein könnten, von denen die Zukunft der Erde abhängt ...
Wie war es mit M. Night Shyamalan zu arbeiten?
Großartig. Ich habe mit einigen Regisseuren zusammengearbeitet, die alle unterschiedlich waren, aber keiner von ihnen war wie Night. Es kommt immer so mühelos rüber, doch es gibt so viel Vorbereitung und Detail, das in seine Arbeit einfließt, und es ist alles schon festgelegt, bevor man selbst dort hinkommt. Die Herausforderung besteht darin, seine Interpretation herauszufinden. All die Zeit, die ich mit ihm zusammen in den Proben verbracht habe, half mir bei der Darstellung und half mir zu verstehen, was er von mir erwartete. Das ist seine Welt, das ist das, was er macht, und er gab mir eine einzigartige Gelegenheit eine Rolle zu spielen, die ich normalerweise nicht spielen würde. Deswegen fragte ich ihn ganz genau, wonach er suchte, und ließ mir seine Vision von ihm zeigen. Seine Instinkte sind besser als meine - es ist seine Welt.
Würden wir zusammen an "The Departed" arbeiten und er diesen Badass aus Boston spielen, würde ich auf kein Wort hören, was er sagt, aber dies war sein Spielplatz und er war großartig. Er lässt es so einfach aussehen. Es ist sein Baby, seine Erfindung.
Was passierte, wenn Sie nicht so spielten, wie er es von Ihnen verlangte?
Dann steht man im Rampenlicht und man möchte diese Art des Scheinwerferlichts nicht haben - ehrlich. Ich bin der Hauptcharakter des Films, deswegen vermeide ich dieses Szenario so gut, wie es möglich ist. Ich habe keine richtige Ausbildung als Schauspieler, ich fühle mich immer so, als wäre ich durch die Hintertür von Hollywood hereingeschlichen - was bedeutet, dass ich immer doppelt so gut vorbereitet bin wie jeder andere, ich kenne meine Textzeilen und den Text der anderen. Ich stellte sicher, dass ich ihn zufrieden stellte. Es gab nie einen Zeitpunkt, an dem ich dachte, dass es ein Desaster werden würde. Ich fühle mich immer besser, wenn ich jemanden physisch in den Arsch treten kann. Ich fühle mich dann immer wohl.
Night beschrieb Sie als jemanden, der eine "Präsenz purer Unschuld" besitzt. Würden Sie dem zustimmen?
Ja, würde ich! Ich habe mich schon von der Kindheit an so gefühlt, als wäre ich ein Schauspieler, aber eben nie auf einer Bühne oder vor der Kamera. Ich bin an wirklich Furcht einflößenden Orten aufgewachsen. Ich musste immer so tun, als wäre ich in der Lage mit mir selbst klarzukommen, damit die Leute mir keinen Ärger machten und ich akzeptiert wurde.
Ich habe mich immer so gefühlt, als stünde ich in der ersten Reihe, und jetzt, da ich selber Kinder habe, bin ich darüber hinweg und spüre diese wunderbare Erleichterung darüber, dass ich einfach ich selbst sein und mich entspannen kann. Es ist in Ordnung zu weinen, einfühlsam zu sein und die Gefühle von anderen Leuten ebenso zu verstehen, wie sich um andere Leute zu sorgen. Nichts davon war in Ordnung als ich aufwuchs, sehen wir mal von meinem Zuhause ab, natürlich. Sie waren draußen nicht in Ordnung und dort verbrachte ich die meiste Zeit, meine Eltern waren mit dem Broterwerb beschäftigt und so war ich die ganze Zeit mir selbst überlassen. Damals habe ich eine ganze Menge falsch gemacht.
Elliots Rolle unterscheidet sich durchaus von Ihren früheren Rollen. Wie war es, einen Lehrer zu spielen, der Naturwissenschaften unterrichtet?
Ich war entsetzt. Als ich zur Schule ging hatte ich im Fach Naturwissenschaften eine sehr hübsche Lehrerin und alles was ich tat, war zu versuchen sie anzumachen. Ich habe nie genau zugehört, wenn sie irgendwas gesagt hat. Elliot zu spielen war so, als würde man eine andere Sprache sprechen. Es ist das eine, Worte auszusprechen, aber wenn man sie nicht wirklich versteht und tun muss, als wisse man genau, was man macht, das ist eine Herausforderung. Deswegen habe ich einige Zeit im Naturwissenschaftlichem Museum von Philadelphia verbracht. Es machte Spaß, Recherchen für die Rolle zu machen. Eine Menge davon ist Allgemeinwissen und ich dachte, "Okay, jetzt habe ich es verstanden, warum habe ich in der Schulklasse nicht aufgepasst?". Das ist dann das andere, was ich meinen Kindern erklären muss, wenn sie sagen werden: "Daddy, du hast die Schule abgebrochen." Dies sind die Dinge, die ich jetzt für mich klar mache. Mein Ältester ist erst vier ein halb Jahre alt, der andere ist zwei und wir erwarten noch ein Baby.
Hatten Sie für Elliot jemanden Besonderen als Vorlage?
Ich habe mir für ihn Night zum Vorbild genommen, um ganz ehrlich zu sein. Er sagt dauernd, dass er die Rolle für mich schrieb, dass er Teile davon aber für sich selbst schrieb. Mein Agent las es und meinte, "dass klingt nicht, als würde es für dich passen", aber ich bekam die Rolle. Ich erkannte, wie Night einen Teil von mir sieht - wie optimistisch ich sein kann. Ich musste ihn zudem die ganze Zeit studieren, deswegen ist definitiv eine Menge von Night in dieser Rolle.
Sie sind ein Mann des Glaubens, praktizierender Katholik. Wie stehen Sie zum dem Element des "Glaubens gegen Wissenschaft" in der Geschichte? Hat Sie das zum Film hingezogen?
Ja, definitiv. Gott kommt zuerst und es gibt einige Hinweise auf etliche Ereignisse, die jetzt passieren, die darauf hindeuten. Wir waren sehr glücklich und sehr gesegnet, aber wir haben es nicht zu schätzen gewusst. Wir haben unseren Planeten missbraucht und das verursacht eine Menge von ernsthaften Problemen. Es ist ein Geschenk, in diesem Film mitzuspielen, in dem ich selbstsüchtigerweise eine Rolle spiele, die die Zuschauer so nicht von mir erwarten, die so furchtbar wie die Hölle ist und auch einige Diskussionen verursachen wird - vielleicht inspiriert sie einige Leute ein wenig mehr zur Rettung des Planeten beizutragen. Wenn man sein kleines Bisschen dazu beiträgt, wird man überrascht davon sein, welch einen Unterschied es macht, besonders dann, wenn man eine Strom- und Wasserrechnung wie ich für mein Haus habe. Wenn ich zuhause bin, mache ich immer das Licht aus, schalte den Fernseher aus, nehmen nicht die extra-lange Dusche und lasse das Wasser nicht laufen, wenn ich meine Zähne putze.
In der Vergangenheit habe ich mich nur um mein gutes Aussehen gekümmert - das war meine Hauptsorge in diesen Tagen. Wenn jeder Mensch eine Kleinigkeit machte, wäre der Einfluss davon sehr erstaunlich. Ich habe noch keine Solaranlage und kein Hybrid-Auto. Ich brauche einen großen Wagen wegen der Familie, aber Cadillac bringt einen Hybrid-SUV auf den Markt, auf den ich mich freue.
Sie haben das Image eines "tough guy". Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie eine Situation wie die von Elliot geraten würden, wenn es ums Überleben ginge?
Ich müsste brutal sein. Ich komme aus einer Welt des Tötens oder des getötet Werdens, deswegen würde ich mich und meine Kinder schützen, und die Leute, die sich nicht selbst wehren können - die Frauen und Kinder. Das ist alles, was man tun kann. Es fiele mir schwer, so rational zu bleiben wie Elliot. Es ist sehr hart, dass zu tun.
Neben dem bemannten Raumfahrtprogramm, welches ich in der vorletzten Corona-Ausgabe vorgestellt habe, hatte die Sowjetunion auch ein ambitioniertes Programm zur Erforschung des Sonnensystems mit unbemannten Sonden. Auch hier galt das Prinzip Geheimhaltung bis zur letzten Sekunde, um sich bei einem möglichen Fehlschlag nicht zu blamieren.
Mars
Die ersten Versuche galten dem Mars, auf dem man zu dieser Zeit wenigstens mit Vegetation rechnete. Das Konstruktionsbüro 1 unter Sergej Koroljow konstruierte einen universell einsetzbaren Sondengrundtyp, der je nach Aufgabe mit Instrumenten bestückt werden sollte. Doch der Zeitdruck war groß, ein optimales Startfenster zum Mars gibt es nur alle zwei Jahre, und folgerichtig gingen die Startversuche am 10. und 14. Oktober 1960 schief. Die Trägerraketen versagten. Ebenso verlief der Startversuch vom 24. Oktober 1962.
Dann der erste Hoffnungsschimmer: Die nach dem Start als Mars 1 bezeichnete Sonde vom 1. November des gleichen Jahres verließ wenigstens den Erdorbit, auch wenn der Funkkontakt zur Sonde vor der Ankunft am roten Planeten abbrach. Immerhin konnte man wenigstens einige Daten über das interplanetare Medium und den Sonnenwind sammeln. Nicht viel mehr Glück hatte man mit der Sonde Zond 2 vom 30. November 1964, auch hier brach der Funkkontakt ab.
Die vom Konstruktionsbüro 1 gebaute Sonde war ein einziger Misserfolg gewesen und da dieses jetzt mit der bemannten Raumfahrt voll beschäftigt war, gingen die Sondenmissionen an das Konstruktionsbüro 52 über, welches über die stärkere Proton-Rakete verfügte, die Nutzlasten von mehreren Tonnen in den interplanetaren Raum bringen konnte. Die ersten beiden Versuche 1969 scheiterten allerdings auch schon wieder in der Startphase mit Triebwerksversagen.
Die Kampagne des Jahres 1971 sollte erfolgreicher werden, auch wenn sie mit einem dummen Fehler begann. Der ersten Sonde gab man im Orbit den Befehl zum Zünden der 4. Stufe mit einer Verzögerung von 1,5 Jahren anstatt 1,5 Stunden. Das Ergebnis war ein weiterer Erdbeobachtungssatellit. Die beiden anderen Sonden dieses Jahres konnten jedoch erfolgreich auf Marskurs gebracht werden und wurden Mars 2 und 3 genannt. Es handelte sich jeweils um eine Orbiter-Lander-Kombination. Jetzt wurde das sowjetische Marsprogramm allerdings vom Pech verfolgt. Bei Ankunft der Sonden herrschte gerade einer der berüchtigten den ganzen Planeten einhüllenden Staubstürme, so dass die Kameras der Orbiter erst einmal nutzlos waren. Zusätzliche blieb der Mars 3 Orbiter in einer falschen Umlaufbahn hängen. Mars 2 lieferte dagegen wenigstens einige Bilder und viele Messdaten. Der Lander von Mars 2 zerschellte beim Landeanflug und bildete damit wenigstens das erste menschengemachte Objekt auf dem Mars. Der Lander von Mars 3 landete erfolgreich weich, doch leider ging der Funkkontakt nach wenigen Sekunden aus unbekannten Gründen verloren.
1973 wurde ein Großangriff gestartet, der in einem Desaster endete. Zwei Lander und zwei Orbiter sollten fliegen, sie alle erlitten den Transistortod. Eine ganze Serie von Transistoren enthielt einen Konstruktionsfehler, der früher oder später zu deren Ausfall führte. Man bemerkte ihn zu spät, startete aber trotzdem. Die magere Ausbeute waren 60 Bilder von Mars 5, deren Antrieb dann aber in der Umlaufbahn versagte.
Ob der vielen Fehlschläge musste man sich offensichtlich etwas Neues einfallen lassen. Der Einsatz der N1-Großrakete und einer Probenrückholmission mit einer im Orbit zusammengebauten Sonde verschwanden jedoch wieder in den Schubladen. Der Rest der 70er-Jahre blieb ohne einen weiteren Versuch.
In den 80ern kam der Plan auf, nicht auf Mars zu landen, denn das war den Amerikanern schon mit Viking geglückt, sondern auf dem Marsmond Phobos. Wegen der geringen Oberflächenschwerkraft ist eine Landung hier viel einfacher ebenso die Rückholung einer Probe. Wegen der immensen Kosten setzte man auf internationale Kooperation und baute Phobos 1 und 2.
Phobos 1 ging leider wegen eines fehlerhaften Kommandos auf der Reise verloren. Phobos 2 gelangte in die Umlaufbahn um Mars und sendete auch Daten und Bilder, doch bei dem Versuch, den Phoboslander abzusetzen, brach der Kontakt zur Sonde ab und konnte nicht wieder hergestellt werden. Dies war die letzte sowjetische Marsmission, von denen keine einzige die Erwartungen erfüllt hatte. Die bisher einzige Nachwende-Mission war Mars 96, mit an Bord die 3D-Farb-Hochleistungskamera HRSC, die heute auf Mars-Express hervorragende Bilder liefert. Mars 96 kehrte jedoch zu den Anfangsproblemen zurück und scheiterte wegen des Versagens der 4. Stufe.
Venus
Deutlich mehr Erfolg hatten die sowjetischen Wissenschaftler mit dem anderen Nachbarplaneten der Erde, der Venus. Gleich der zweite Startversuch im Jahre 1961 führte zu Venera 1, zu der jedoch auf dem Weg zur Venus der Kontakt verloren ging. Schuld war ein fehlerhaft arbeitender Sonnensensor, der für die Ausrichtung der Solarzellen verantwortlich war. Weitere Sonden scheitern allerdings vorerst in der Erdumlaufbahn. Bei Venera 2 ging ebenfalls der Funkkontakt verloren und Venera 3 schlug hart auf der Oberfläche auf, immerhin das erste künstliche Objekt auf der Venus.
Venera 4 war 1967 der erste Erfolg vergönnt. Der Lander flog über 90 Minuten durch die Venusatmosphäre bis er bei 22fachem Normalluftdruck zerstört wurde. Das Thermometer und die Atmosphärenanalyse zerstörte jede Hoffnung dort auf eine erdähnliche Oberfläche zu stoßen, eine mit Regenwald und vielfältigem Leben. Mit einer verstärkten Hülle ausgestattet, kamen Venera 5 und 6 der Oberfläche deutlich näher, wurden aber ebenfalls von dem enormen Druck zerquetscht. Noch stabiler gebaut, gelang Venera 7 dann endlich die Landung im Dezember 1970. Sie berichtete von 90fachen Atmosphärendruck und 475°C. Ebenso Venera 8 zwei Jahre später.
Die ersten Bilder von der Oberfläche gelangen mit den neu konstruierten Sonden Venera 9 und 10 1975. Nicht so viel Glück war Venera 11 und 12 beschieden. Die Landung war bereits Routine, doch funktionierten weder Kamera noch Bodenanalyse. 1982 wurde dagegen zum erfolgreichsten Jahr der Venusforschung. Das Sondenpaar Venera 13 und 14 landeten erfolgreich und funktionierten wie vorgesehen sogar eine bzw. zwei Stunden lang. Die Ergebnisse waren Panoramabilder der Umgebung sowie Bodenanalysen, die basaltisches Gestein zeigten.
Nach den erfolgreichen Landern, verlegte man sich für das Jahr 1983 auf Orbiter. Venera 15 und 16 untersuchten die Venus mit Radar, um deren Oberfläche zu kartieren. Sie zeigte sich mit Vulkanen gespickt und mit einer sehr jungen Oberfläche, was auf eine vielleicht noch anhaltende starke geologische Aktivität schließen lässt. Die letzte sowjetische Venusmission wurde 1984 mit dem Vega Sondenpaar gestartet. Unter internationaler Kooperation sollten diese Sonden zwei Jahre später den Halleyschen Kometen studieren und das Swingby-Manöver an der Venus nutzen. Neben zwei Landern, von denen einer nur teilweise erfolgreich war, wurde zwei Ballone, gebaut in Frankreich, in der Atmosphäre ausgesetzt, die vier Tage lang funktionierten.
Mond
Wegen der Apolloerfolge vielfach übersehen, betrieb die Sowjetunion ein recht erfolgreiches unbemanntes Mondprogramm, auch wenn hier wieder viele Missionen wegen versagender Trägerraketen scheiterten. Die ersten bemerkenswerte waren Lunik 2 (1959), die die erste harte Ladung einer Raumsonde auf einem anderen Himmelskörper lieferte und Lunik 3, die die Rückseite des Mondes zum ersten Mal fotografierte.
Die größere Luna-Sondenfamilie lieferte jedoch beeindruckendere Ergebnisse: Luna 9 1966 die erste weiche Landung mit Bildern von der Oberfläche. Dann die automatische Rückführung von Gesteinsproben durch Luna 16, 18 und 24, die 381g Material zur Erde schafften und die berühmten Lunochod Landefahrzeug 1 und 2, die Jahrzehnte vor Sojourner ferngelenkt die Oberfläche eines anderen Himmelskörpers befuhren.
Fazit
Unter großem Aufwand an Sonden und Raketen erforschten sowjetische Wissenschaftler erfolgreich Mond und Venus, während die Marsmissionen durchweg komplette oder großteils Fehlschläge wurden. Sie trauten sich nie in das äußere Sonnensystem.
Planungen für die Zukunft
Die Zeiten, in denen Paare oder ganze Flotten von Sonden jährlich zu den Planeten ausgeschickt wurden, sind längst vorbei, heute ist man damit beschäftigt international Geldmittel aufzutreiben um wenigstens einmal pro Jahrzehnt einen Start wagen zu können. Für 2009 ist eine Mission zu Phobos geplant, die Material von der Oberfläche des Mondes zurückbringen soll. Sie soll Phobos-Grunt heißen und auch die erste chinesische Planetensonde tragen. Und die nächste Venusmission wird für 2013 angepeilt, Venera-D genannt; dabei soll der Lander länger als ein paar Stunden auf der Oberfläche durchhalten.
Liebe Kurzgeschichten-Freunde,
in der letzten Ausgabe vor der Sommerpause gibt es an dieser Stelle mal wieder eine Geschichte außerhalb unseres regelmäßigen Story-Wettbewerbs. Den Autor Achim Hiltrop kennen diejenigen Leser schon, die kürzlich bei der Feier zur 200. Ausgabe des Corona Magazines in der Mülheim an der Ruhr zu Gast waren, alle anderen haben vielleicht schon von seinen "Gallagher-Chroniken" gehört oder gelesen. Heute stellt uns Achim Hiltrop mit Colin Mirth einen anderen Helden vor und entführt uns ins London des Jahres 1877. Viel Vergnügen mit seiner Geschichte. Nach der Sommerpause geht es dann mit den Storys der Themenrunde "Wilde Kreaturen" weiter.
Die nächsten Themen des Corona-Kurzgeschichtenwettbewerbs: "Besuch" (Einsendeschluss 1. November 2008) und "Das Ende der Welt" (Einsendeschluss 1. Januar 2009). Wer Interesse hat, sich mit einer Kurzgeschichte (Science-Fiction, Fantasy, Horror, Phantastik – keine Fan-Fiction) zu beteiligen, die einen Umfang von 20.000 Zeichen nicht überschreitet, schickt seine Story (möglichst als rtf-Datei) rechtzeitig per E-Mail an die Kurzgeschichten-Redaktion, die unter kurzgeschichte@corona-magazine.de zu erreichen ist. Die nach Meinung der Jury drei besten Geschichten werden wie immer im Corona Magazine veröffentlicht.
Armin Rößler Der Werwolf von Westminster von Achim Hiltrop Sergeant Archibald Moore rümpfte die Nase. Die Dämpfe, die ihm an diesem nasskalten Montagmorgen im Januar des Jahres 1877 aus der Baustelle an der Tottenham Court Road entgegenschlugen, raubten ihm beinahe den Atem. Wieder einmal hatten die Bauarbeiter, welche hier an der Kanalisation arbeiteten, ein Abwasserrohr beschädigt. Der faulige Gestank verpestete die ganze Straße.
Moore zupfte ein Taschentuch aus seiner Manteltasche und hielt es sich vor die Nase. Es nützte nichts; die übelkeitserregenden Dunstschwaden hatten sich bereits auf seine Schleimhäute gelegt. Der Sergeant fragte sich besorgt, wie lange er den ekelhaften Geruch in der Nase behalten würde.
"Widerwärtig", brummte er und beschleunigte seine Schritte, um möglichst schnell an der Baustelle vorbei zu kommen.
An der Ecke zur Grafton Street blieb er vor einem vornehmen Reihenhaus stehen. Er warf einen Blick auf den zerknitterten Zettel in seiner Hand, auf dem die entsprechende Adresse stand, und nickte stumm. Er stieg die Stufen zur Eingangstür hinauf und pochte mit dem Griff seines Regenschirms gegen die Tür.
Einige Sekunden lang geschah nichts, dann wurde die Tür geöffnet, und ein hochgewachsener junger Mann mit braunen Haaren und einem breiten Lächeln trat dem Sergeant entgegen.
"Guten Morgen, Commander Mirth", sagte Moore höflich. "Ist bei Ihrem Umzug alles gut gegangen?"
Moores Kollege Colin Mirth reichte ihm die Hand. "Alles bestens, Sergeant, danke der Nachfrage. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen selbst die Tür öffne. Ich hatte noch keine Gelegenheit, einen Diener einzustellen."
"Natürlich." Moores Mundwinkel zuckten unter seinem buschigen Schnauzbart nach oben. Colin Mirth hatte zwar sehr wohl einen Diener, und das schon seit Jahren, doch wäre es sicherlich unklug gewesen, den arabischen Flaschengeist, in dessen Besitz Colin bei einem Aufenthalt im vorderen Orient gekommen war, die Tür öffnen zu lassen.
"Wenn Sie einen Moment hereinkommen möchten, kann ich Ihnen gerne das Haus zeigen."
Moore winkte ab. "Danke für die Einladung, Commander, aber ich fürchte, wir müssen sofort los. Ein anderes Mal?"
"Sicher." Colin zuckte mit den Achseln. "Lassen Sie mich nur schnell Hut und Mantel holen, dann können wir los. Wohin gehen wir denn?"
Moore seufzte schwer. "Rochester Row, Westminster. Ein Mordfall, wie mir scheint. Es wird Ihnen gefallen, Commander."
*
Das Messingglöckchen über der Tür der Buchhandlung klingelte fröhlich zur Begrüßung, als Colin und Sergeant Moore eintraten. Durch die großen Fenster fiel milchiges Sonnenlicht. Staubkörner tanzten in der Luft. Das kleine Geschäft bestand fast ausschließlich aus Regalen, in denen Tausende von Büchern säuberlich aufgereiht nebeneinander standen und auf ihren Käufer warteten.
"Guten Morgen, Gentlemen!" Ein stämmiger Streifenpolizist, der sich mit dem Buchhändler unterhalten hatte, drehte sich um und kam ihnen entgegen. "Das Geschäft ist heute geschlossen."
Colin zückte seine Dienstmarke. "Commander Mirth und Sergeant Moore, Scotland Yard. Sie haben uns rufen lassen, Constable ...?"
"Miller, Sir. Ja, richtig. Danke, dass Sie beide so schnell kommen konnten. Passen Sie bitte auf, wo Sie hintreten, Gentlemen!" Miller zeigte auf den Boden, der mit handtellergroßen Blutflecken besudelt war.
Colin zog fragend die Augenbrauen hoch. "Messerstecherei?", raunte er Moore zu.
Der Sergeant wackelte mit dem Kopf hin und her. "Sicherlich eine verletzte Arterie, Commander."
"Ich darf Ihnen Mister Harrington vorstellen, den Inhaber dieser Buchhandlung." Miller trat beiseite und winkte den Mann herbei, mit dem er zuvor gesprochen hatte.
Harrington, ein spindeldürrer kleiner Mann von etwa fünfzig Jahren, zuckte bei der Nennung seines Namens nervös zusammen. Er machte einen sehr verstörten Eindruck auf Colin – fast so, als habe er ein Gespenst gesehen. Colin hatte sich in seiner Zeit beim Secret Service ausgiebig mit paranormalen Phänomenen beschäftigt, und er kannte den Blick von Menschen, die dem Tod – oder dem, was danach kam – ins Auge gesehen hatten.
"Guten Morgen, Mister Harrington. Ich bin Sergeant Moore", stellte sich der Sergeant vor, "und das ist Commander Mirth. Wir sind vom Scotland Yard."
Colin entging nicht, dass Miller fragend die Stirn runzelte, als Moore ihn als
Commander vorstellte. Man hatte Colin erst Ende des letzten Jahres zu Scotland Yard versetzt, und da es sich um einen Präzedenzfall gehandelt hatte, konnte ihm noch immer niemand zuverlässig sagen, mit welchem Dienstrang er in den Polizeidienst übernommen werden sollte.
"Unter anderen Umständen würde ich Sie herzlich gerne in meinem Laden willkommen heißen, Gentlemen, aber so wie die Dinge liegen ..." Harrington schauderte.
Colin deutete auf die Blutflecken. "Was genau ist denn hier geschehen, Mister Harrington?"
Der Buchhändler schluckte hart. "Ich habe heute Morgen um neun mein Geschäft geöffnet, so wie jeden Tag. Nachdem ich aufgeschlossen hatte, bin ich zu meinem Schreibtisch hinten im Laden gegangen. Noch bevor ich dort war, kam Mister Sterling herein ... Aber vielleicht ist es das Beste, wenn Sie mir kurz folgen. Hier entlang bitte. Aber passen Sie auf, wo Sie hintreten, Gentlemen!"
Colin und Sergeant Moore kamen der Aufforderung nach und folgten Harrington, der zwischen den eng beieinander stehenden Regalen in den hinteren Teil des Ladens ging. Colin machte große Schritte und bemühte sich, nicht in die noch feuchten Blutlachen auf dem Boden zu treten.
"Hier ist auch überall Blut", bemerkte Moore und deutete auf die Regale. Etwa in Schulterhöhe waren alle paar Schritte die Bücher dort ebenfalls blutbesudelt.
"So, da wären wir", sagte Harrington mit zitternder Stimme. "Das hier ist Mister Sterling. Das heißt, er
war es."
Vor Mister Harringtons kleinem Schreibpult, in dessen Schubladen sich zweifelsohne die Kasse des kleinen Geschäfts befand, lag der Körper eines etwa sechzig Jahre alten Mannes in seinem Blut. Colin ging nachdenklich um die Leiche herum, auf der Suche nach Indizien.
"Sie kannten den Gentleman also?", stellte Moore fest und zückte sein Notizbuch.
Harrington nickte. "Mister Sterling war einer meiner Stammkunden. Er kaufte regelmäßig Bücher bei mir."
Colin kniete neben dem Toten nieder und klappte mit spitzen Fingern den blutverschmierten Mantelkragen des Mannes auf. "Ah ja", murmelte er, "die Halsschlagader also."
"Sie sagten, er war schon verletzt, als er in den Laden kam?", hakte Moore nach.
"Das habe ich nicht gesagt." Harrington stutzte. "Aber nein, ich habe ihm die Verletzung natürlich nicht zugefügt! Also muss er ja schon vorher verletzt gewesen sein, Sergeant Moore!"
Moore runzelte die Stirn. "Warum, Mister Harrington, gibt es dann auf dem Gehsteig vor Ihrem Geschäft keine Blutspuren, sondern nur hier drinnen?"
Harringtons Gesicht wurde fahl. "Großer Gott, Sie denken doch nicht wirklich,
ich hätte Mister Sterling das angetan?"
Colin gab dem Sergeant ein Zeichen, sich ebenfalls die tödliche Wunde anzusehen. "Sie entschuldigen mich einen Moment, Mister Harrington", sagte Moore und ging neben Sterlings Leiche in die Hocke. "Ja?"
Colin deutete auf die klaffende Wunde im Hals des Toten. "Mister Sterling war deutlich größer und schwerer als der Buchhändler", sagte er leise, "ich glaube nicht, dass Mister Harrington in der Lage war, ihm eine solche Wunde zuzufügen."
Moore sah angewidert weg. "Das sieht ja aus wie ... wie eine Bisswunde!"
Colins Mundwinkel zuckten nach oben. "Wenn Mister Harrington seinen Stammkunden wirklich totgebissen hat, müsste auch er blutbefleckt sein."
"Er könnte sich vielleicht umgezogen und gewaschen haben, ehe er die Polizei gerufen hat." Moore schürzte die Lippen, als er sich Colins Einwand nochmals durch den Kopf gehen ließ. "Nein, Commander, Sie haben natürlich recht. Ich traue Mister Harrington eine solche Tat natürlich auch nicht zu. Das sieht mehr nach der Tat eines Wahnsinnigen aus, oder wie der Biss eines wilden Tieres. Oder ... oder beides." Er schauderte.
Colin stand auf und wandte sich wieder an den Buchhändler, der angesichts der entsetzlich zugerichteten Leiche zu seinen Füßen gegen eine aufsteigende Übelkeit anzukämpfen schien. "Wissen Sie, wo Mister Sterling wohnte?"
Harrington nickte. "Ich habe seine Anschrift in meiner Kundenkartei. Ich gebe sie Ihnen gleich."
Moore winkte den Streifenpolizisten herbei. "Miller, Sie gehen zu dieser Adresse und verständigen die Angehörigen des Mannes."
"Das können Sie sich sparen", rief Harrington, während er in einem kleinen Karteikasten herumkramte. "Mister Sterling war alleinstehend. Keine Familie, keine Kinder. Aber seine Angestellten müssen erfahren, was passiert ist."
"Er war also wohlhabend?", fragte Colin interessiert. Hier ließ sich vielleicht am ehesten nach einem Motiv suchen.
Harrington lachte spöttisch. "Ob Mister Sterling wohlhabend war? Das will ich meinen! Haben Sie noch nie von einem Theater namens
The Bard's Corner gehört?"
Colin schüttelte den Kopf. "Ich fürchte nein. Hätte ich sollen?"
"Hat es ihm etwa gehört?", fragte Moore.
"Ob es ihm gehört hat!" Harringtons meckerndes Lachen ließ den Sergeant zusammenzucken. "Er war der größte Star der Truppe. Der Direktor des Theaters ist Samuel Finch."
"Ich verstehe. Danke für den Hinweis." Colin nahm sich vor, später seine Tante Phoebe nach Mister Finch zu fragen. Sie kannte sich in der besseren Gesellschaft von London sehr gut aus und war auch in Sachen Klatsch und Tratsch aus der Künstlerszene im West End immer auf dem Laufenden. Zudem hatte der Name des Theaters – ein unmissverständlicher Hinweis auf William Shakespeare – sein Interesse geweckt.
Als er über Mister Sterlings Leichnam hinweg stieg, fiel ihm auf, dass der Tote die linke Hand zur Faust geballt hatte. Zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger ragte ein dünner Papierschnipsel hervor. Er beugte sich neugierig vor und griff danach, doch die Umklammerung der starren Finger ließ das Papier nicht locker. Grummelnd ließ er sich wieder auf die Knie nieder, und mit einiger Anstrengung gelang es ihm, die kalte Faust zu öffnen und ihr das Papier zu entreißen.
"Was haben Sie denn da?", fragte Moore.
"Das weiß ich noch nicht, Sergeant", sagte Colin und strich das Papier auf dem Schreibpult des Buchhändlers glatt. Harrington starrte ihn mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination an. "Es scheint eine Seite aus einem Buch zu sein. Die Schrift ist verblasst und schwer zu entziffern, außerdem fehlt die Hälfte. Ah, es ist von Shakespeare ...
Love's Labour's W— ... und der Rest fehlt. Seltsam."
Harringtons Gesicht schien noch eine Spur blasser zu werden, als Colin und der Sergeant das Geschäft verließen und ihn mit Miller und dem Toten allein ließen.
*
"Hier draußen ist wirklich kein einziger Blutstropfen zu sehen", brummte Moore und sah sich vor der Buchhandlung ein wenig um. "Der Mörder muss den armen Mister Sterling also direkt auf der Schwelle des Geschäfts erwischt haben."
"Oder er wurde in einer Kutsche ermordet und direkt vor dem Laden herausgeworfen", gab Colin zu bedenken.
"Aber auch dann müsste hier Blut sein", widersprach Moore energisch. "Wissen Sie, was ich glaube, Commander?"
Colin atmete tief durch. Er ahnte, was nun kommen würde. "Ich habe nicht die geringste Idee, Sergeant."
"Ich glaube, dass wir es", Moore senkte die Stimme zu einem theatralischen Flüstern, "mit einem paranormalen Phänomen zu tun haben."
Colin verschränkte abwartend die Arme vor der Brust. In Momenten wie diesen dachte er, dass es ein Fehler gewesen war, dem guten Sergeant jemals zu erzählen, dass er früher beim Secret Service so etwas wie ein Geisterjäger gewesen war. Moore war ohnehin ein abergläubischer Mensch, und seitdem er von Colins früherer Karriere wusste, vermutete er hinter jedem ungelösten Kriminalfall das Werk übernatürlicher Mächte. Dabei stand er sich allerdings manchmal selbst im Weg und übersah wichtige Indizien, die auf eine absolut plausible Erklärung hindeuten konnten. "Mit welchem denn, wenn ich fragen darf?"
"Mit einem Vampir", antwortete der Sergeant wie aus der Pistole geschossen.
"Es gibt keine Vampire", sagte Colin lächelnd. "Und wenn es sie gäbe, mein lieber Sergeant, dann würden sie bestimmt nicht um neun Uhr morgens ihr Unwesen treiben."
Moore überlegte eine Weile. "Dann war es ein Werwolf."
Colin rollte mit den Augen. "Haben wir gerade Vollmond?"
Der Sergeant stutzte. "Was weiß ich?"
"Soweit ich weiß, sind Werwölfe ebenfalls des Nachts aktiv, und zwar in Vollmondnächten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in den Morgenstunden noch Menschen anfallen, dürfte also eher gering sein."
"Aber es gibt sie?", fragte Moore erschrocken.
"Nach meiner Erfahrung, ja. Im Gegensatz zu Vampiren."
"Dann muss es einer gewesen sein. Haben Sie sich die Wunde angesehen? Dass war doch eine Bisswunde, oder nicht?" Moore kratzte sich am Kopf.
"Durchaus möglich. Davon überzeugt bin ich aber noch nicht." Colin zog das zerknitterte Stück Papier, das er dem Toten abgenommen hatte, wieder aus der Manteltasche. "Das hier beunruhigt mich viel mehr, als Sie vielleicht denken, Sergeant. Ich wollte es da drinnen nicht so zeigen, aber ..."
"Eine Seite aus einem Buch von Shakespeare", unterbrach ihn Moore mit einem gleichgültigen Achselzucken. "Na und? Sie, mein Freund, kennen doch ohnehin alle seine Werke auswendig."
"Das ist es ja gerade", rief Colin. "
Love's Labour's Lost ist eine seiner größten Komödien. Aber auf diesem Zettel steht
Love's Labour's W—. Verstehen Sie, was das heißt?"
"Ein Schreibfehler?", schlug Moore hilfsbereit vor.
"
Love's Labour's Won", hauchte Colin ehrfürchtig. "Man spekuliert seit Jahrhunderten über dieses verlorene Stück. Die einen sagen, das Werk sei in einem Feuer verbrannt und unwiederbringlich verloren. Andere behaupten, er habe das Stück umgeschrieben und umbenannt. Andere Gelehrte wiederum halten die ganze Sache für ein Gerücht."
"Und Sie? Was glauben Sie?"
"Ich glaube", sagte Colin und hielt das Papier triumphierend hoch, "ich glaube, mein lieber Sergeant, dass ich ein Stück von dem Manuskript in der Hand halte!"
*
"Samuel Finch und Roderick Sterling." Phoebe Carmichael lehnte sich in ihrem geblümten Sofa zurück und sah ihren Neffen über den Rand ihrer Teetasse an.
"Genau, Tante Phoebe." Colin, der eine starke Abneigung gegen Tee hegte, nippte an seinem Kaffee. "Was kannst du mir über die beiden Gentlemen erzählen?"
Colins Tante lächelte vielsagend. "Die allgemein zugänglichen Informationen oder auch die pikanteren Details, bei denen anständige Damen rot werden und in Ohnmacht fallen?"
Colin grinste breit. "Alles, was von Interesse sein könnte."
"Tja", Phoebe setzte die Tasse ab und tupfte sich mit einem Spitzentaschentuch die Mundwinkel ab, "Mister Finch ist ein seltsamer Vogel. Trinkt nicht, raucht nicht, spielt nicht, wettet nicht. Keine Weibergeschichten, keine Skandale, nichts. In meiner Gesellschaftskolumne in der
Times hatte ich in all den Jahren nur ein- oder zweimal überhaupt Gelegenheit, den Herrn zu erwähnen. Das erste Mal war es anlässlich der Eröffnung seines Theaters.
The Bard's Corner, so heißt es, glaube ich."
"Ich hörte davon."
"Ach ja, er ist ein leidenschaftlicher Verehrer der Werke von William Shakespeare", ergänzte Phoebe. "Daher auch der Name seines Theaters."
"Das dachte ich mir bereits. Und der andere, Mister Sterling?"
Phoebe gluckste leise und schüttelte traurig den Kopf. "Ach ja, Roddy ... guter alter Roddy! Roderick Sterling war so ziemlich das exakte Gegenteil von Samuel Finch – in allem, was er tat. Ein Partylöwe, ein Säufer, ein Spieler, ein Weiberheld ... aber was für ein genialer Schauspieler! Ich kann nicht glauben, dass du ihn wirklich nie auf der Bühne erlebt hast, mein Junge."
"Ich habe die letzten Jahre im Ausland gelebt, Tante Phoebe", erinnerte er sie sanft. "Aber so, wie du ihn beschreibst, scheine ich einiges verpasst zu haben."
"Das will ich meinen!" Phoebe lächelte still bei der Erinnerung an eine Begebenheit, die sie aber offenbar nicht mit ihrem Neffen zu teilen bereit war. "Er war auf der Bühne ein echtes Erlebnis. Ich habe mehrere Artikel über ihn geschrieben. Am besten war er in Shakespeare-Stücken, ganz gleich welches. Er war der beste Romeo und der beste Hamlet, den ich jemals erlebt habe. Dass Sterling dann bei Finch unter Vertrag kam, war ein echter Glücksgriff."
Colin horchte auf. "Für Finch oder für Sterling?"
Phoebe überlegte kurz. "Eigentlich für beide. Beide liebten Shakespeare, aber der eine war Schauspieler und der andere besitzt ein Theater. Die Londoner Schauspielszene ist jedenfalls seit heute um eine Attraktion ärmer. Armer, armer Roddy ..."
"Was war der andere Anlass, zu dem du etwas über Mister Finch geschrieben hast?"
Phoebe machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach, das war nur ein wenig Klatsch. Es ging da um ein Gerücht, um ein verschollenes Shakespeare-Manuskript, das Samuel Finch angeblich seiner Sammlung einverleibt haben soll. Der Kurator des Britischen Museums hat jedenfalls getobt, weil er wollte, dass das Manuskript ins Museum kommt, statt in einer Privatsammlung zu verschwinden. Finch tat jedenfalls so, als ginge ihn das alles überhaupt nichts an. Wie gesagt, nur ein albernes Gerücht."
*
Das Haus von Samuel Finch lag nur wenige Straßen von dem Phoebe Carmichaels entfernt im vornehmen Londoner Stadtteil Belgravia. Als Colin Mirth dort atemlos ankam, wartete Archibald Moore bereits ungeduldig auf ihn.
"Da sind Sie ja endlich", brummte der Sergeant, als Colin näher kam.
"Ich habe eine wichtige Spur entdeckt", sagte Colin. Warnend hob er den Finger. "Tun Sie mir einen Gefallen – kein Wort über das Manuskriptfragment zu Mister Finch! Einverstanden?"
Moore zuckte mit den Achseln. "Wenn es Sie glücklich macht, Commander."
"Ich erkläre Ihnen alles hinterher", versprach Colin.
"Ich war übrigens auch nicht untätig", verkündete Moore diensteifrig. "Ich war beim Waffenschmied und habe mir silberne Kugeln anfertigen lassen."
"Silberne Kugeln?", fragte Colin verständnislos.
"Patronen", erklärte Moore, "mit silbernen Kugeln. Für meinen Revolver. Oder besser gesagt, für den Werwolf, der in Westminster sein Unwesen treibt. Ich habe gelesen, das sei das einzige Mittel gegen diese Unholde."
"Natürlich, Sergeant." Colin musste unwillkürlich schmunzeln. "Und Sie haben mit Sicherheit auch schon daran gedacht, diese silbernen Kugeln von einem Priester mit Weihwasser besprengen zu lassen?"
Moore rang verlegen nach Worten. "Dazu ... äh ... hatte ich allerdings noch keine Gelegenheit. Aber gleich, nachdem wir mit Mister Finch fertig sind, wollte ich ..." Dann verstummte er und kratzte sich verwirrt am Hinterkopf. "Aber sagen Sie mal, Commander, haben Sie nicht immer beteuert, diese religiösen Symbole würden auf übernatürliche Kreaturen überhaupt keinen Eindruck machen?"
Colin klopfte seinem Kollegen aufmunternd auf die Schulter. "Ich wollte Sie nur ein wenig auf den Arm nehmen, Sergeant. Glauben Sie mir, eine Bleikugel ist genauso wirksam. Alles andere ist Aberglaube. Gehen wir nun hinein, oder wollen wir Mister Finch weiter warten lassen?"
*
Samuel Finch empfing die Männer vom Scotland Yard im geschmackvoll eingerichteten Salon seines Hauses. Über dem Sofa, auf das sich der Theaterdirektor setzte, hing ein riesiges Porträtgemälde von William Shakespeare.
"Heute Mittag war bereits ein Polizist hier und hat mir von dem traurigen Vorfall erzählt, Gentlemen." Finch war sichtlich erschüttert über den Tod seines Stars. "Gibt es denn schon eine Spur?"
"Wir gehen davon aus, dass es sich um einen Mord handelt", antwortete Moore, "aber was den möglichen Täter und sein Motiv betrifft, tappen wir sozusagen noch im Dunkeln, Sir."
Finch lachte spöttisch. "Aber dass es ein Mord war, steht fest?"
Dem Sergeant entging die beißende Ironie, die in der Frage steckte. "Nun, Sir, Mister Sterling wird sich die tödlichen Verletzungen wohl kaum selbst beigebracht haben."
"Haben Sie eine Vermutung, wer als Täter in Verdacht kommen könnte?", fragte Colin, ehe Finch auf Moores Bemerkung etwas sagen konnte.
Der Theaterdirektor zuckte mit den Schultern. "Eine liebestolle Verehrerin? Ein gehörnter Ehemann? Vielleicht auch nur ein neidischer Schauspieler? Ich habe nicht die geringste Ahnung, Gentlemen."
"Hatte Mister Sterling etwa viele Affären?", fragte Moore neugierig.
Colin nickte wissend.
"Andererseits", fuhr Finch fort, "sprach Roderick in letzter Zeit häufig davon, dass ihn Alpträume quälten."
"Alpträume?" Moore klappte sein Notizbuch auf.
"Unholde, sagte er. Ich vermute mal, er träumte von irgendwelchen Geschöpfen, die ihm nach dem Leben trachteten." Finch kratzte sich ratlos am Kopf. "Meinen Sie, einer seiner Alpträume ist wahr geworden?"
Colin schüttelte sanft den Kopf. "Wenn jemand dem Alkohol in hohem Maße zuspricht, wie Mister Sterling das angeblich getan haben soll, kann es schon mal vorkommen, dass man hinterher phantasiert. Das erklärt allerdings nicht die klaffende Wunde an seinem Hals, Mister Finch."
Finch lehnte sich entspannt zurück. "Nur so ein Gedanke, Commander Mirth."
"Wir werden dem Hinweis nachgehen", brummte Moore. Mit einem finsteren Seitenblick auf Colin ergänzte er: "Denken Sie an meine Theorie, Commander!"
Colin fand, dass es höchste Zeit war, das Thema zu wechseln. Er deutete auf das Ölgemälde. "Ich hörte, Sie sind ein großer Verehrer des 'Barden'?"
Finch sah über seine Schulter und lächelte. "Shakespeare? Oh ja! Er ist der Größte, wenn Sie mich fragen."
"Commander Mirth kennt alle seine Werke auswendig", bemerkte Moore nicht ohne Stolz.
"Ist das so?" Finch seufzte schwer. "Nun, ich habe bereits einen Ersatzschauspieler, der Rodericks Rolle in der laufenden Saison übernehmen kann. Aber vielleicht können wir ein anderes Mal über das Thema plauschen, wenn die Umstände erfreulicherer Natur sind."
Colin erhob sich. "Wie Sie wünschen."
Moore stand ebenfalls auf, klappte sein Notizbuch wieder zu und sah sich noch einmal im Zimmer um. Sein Blick blieb an einer runden hölzernen Trommel hängen, die senkrecht auf einem Tischchen in einer Ecke des Salons stand. An einer Seite ragte eine Handkurbel aus dem Gerät, und an der Oberseite war ein Sehschlitz angebracht. "Entschuldigen Sie bitte, Mister Finch, aber wozu dient diese Apparatur?"
"Das?" Finch lächelte breit. "Das ist ein Kinematoskop. Hat ein Amerikaner aus Philadelphia vor ein paar Jahren erfunden. Ich habe mir das Gerät kürzlich auf einer Amerikareise gekauft."
Moore runzelte die Stirn. "Und was macht man damit?"
"Schauen Sie hier hinein", Finch zeigte auf den Sehschlitz, "die Trommel enthält eine Serie von Photographien, die auf einem Rad aufgereiht sind. Wenn Sie an der Kurbel drehen, dreht sich das Rad, und wenn Sie die Bilder in schneller Folge nacheinander sehen, haben Sie die Illusion einer fortlaufenden Bewegung, Sergeant."
Moore schaute zögernd durch die Öffnung, wagte aber nicht, an der Kurbel zu drehen. "Bewegte Bilder? Faszinierend. Vielen Dank für die Erläuterung, Sir."
"Oh, nicht der Rede wert", winkte Finch ab. "Das ist jedenfalls ein sehr amüsanter Zeitvertreib. Eines Tages werden diese Geräte unserem Theater noch ernsthafte Konkurrenz machen."
*
Am Abend saßen Colin und Sergeant Moore unter einem Gaslicht an einem Tisch im
Red Lion. Der kleine, dunkle Pub in der Nähe von Whitehall Street 4 war in den letzten Monaten das Stammlokal der beiden Polizisten geworden. Beinahe jeden Abend verbrachten sie bei einem Bier an diesem Tisch, ehe sie kurz vor der Sperrstunde nach Hause gingen. Colin kannte inzwischen jeden Kratzer und jeden Fleck auf der abgewetzten Tischplatte.
Er seufzte und leerte sein zweites Glas. Die Durchsuchung der Wohnung von Roderick Sterling am Nachmittag hatte nichts ergeben. Es gab nach wie vor keine Hinweise auf den Mörder, die Bediensteten des Schauspielers wussten von nichts, und selbst Colins Hoffnung, vielleicht den Rest des legendären Shakespeare-Manuskripts zu finden, hatte sich zerschlagen.
"Und wenn es nun doch ein Werwolf war?", fragte Moore leise.
Colin schüttelte den Kopf. "Vergessen Sie's, Sergeant. Es ist kein Vollmond. Und zur Tatzeit war es sowieso schon hell."
"Hm." Der Sergeant nickte, ohne recht überzeugt zu sein. Colin konnte ihm seine Skepsis nicht verdenken. Die klaffende Wunde in der Halsschlagader des Toten sah durchaus wie die Bisswunde eines großen Tieres aus. Aber eben nur auf den ersten Blick. Colin hatte in der Vergangenheit schon einmal mit einem Werwolf zu tun gehabt, und er war sich relativ sicher, dass diese Möglichkeit im vorliegenden Fall ausschied.
"Was ich Sie immer schon mal fragen wollte", begann Moore, "was qualifiziert jemanden eigentlich zum Geisterjäger?"
Colin lächelte dünn und starrte in sein leeres Glas. "Eigentlich geht es nur darum, die Nerven zu behalten und stehen zu bleiben, wenn ein paranormales Phänomen eintritt. Im Prinzip könnte das jeder."
"Aha."
"Ich habe es Ihnen schon mal gesagt, Sergeant – Geister sind Seelen von sehr starken Persönlichkeiten, die sogar die üblichen Naturgesetze ignorieren. Sie lassen sich in den seltensten Fällen von irgendwelchen Symbolen, die letztlich von Menschen in ihrer Angst erfunden wurden, beeindrucken. Knoblauch, Rosenkränze, Kruzifixe ... alles Schabernack, wenn Sie mich fragen." Colin winkte dem Barkeeper, ihnen noch zwei Gläser zu zapfen. "Mit einigen Geistern kann man diskutieren und sie von der Sinnlosigkeit ihrer Wiederkehr überzeugen. Mit anderen nicht. Aber dafür habe ich ja Abdul."
Moore schauderte bei dem Gedanken an den orientalischen Flaschengeist, den Colin zu jeder Zeit in einer kleinen Glasphiole bei sich trug. Abdul hatte sich bereits oft als ein nützlicher Gefährte erwiesen, aber noch immer war er dem Sergeant unheimlich.
"Was ist mit Zaubersprüchen?" fragte Moore. "Sie hatten da doch neulich dieses Buch ..."
Colin lachte laut auf. "Sie meinen, diese Beschwörungsformeln, mit denen meine kleine Schwester herumexperimentiert hatte?"
"Eben jene."
"Nun, Sergeant, Sie müssen eines wissen", Colin senkte verschwörerisch die Stimme. "Diese Beschwörungsformeln richten sich gar nicht an den Geist per se, sondern an die beseelte Natur selbst. Sie sind in einer Sprache geschrieben, die heutzutage kein Mensch mehr versteht; lediglich die Bedeutung der Sprüche ist überliefert. Und was das Verrückteste an der Sache ist: Annähernd gleiche Texte werden von den Medizinmännern der Indianer Nordamerikas, keltischen Druiden, polynesischen Schamanen und noch einigen anderen in den Kolonien verbreiteten Naturreligionen verwendet."
Moore war sichtlich verwirrt. "Höchst bemerkenswert."
"Mein alter Lehrmeister vertrat die Theorie, dass die Sprache dieser Beschwörungsformeln älter als die Menschheit ist." Colin erhob sich mit einem Augenzwinkern und schlenderte zur Bar, um die beiden bestellten Biere in Empfang zu nehmen. Als er mit den Gläsern zurückkam, fand er Moore in einer düsteren Stimmung vor.
"Ich frage mich, ob wir uns da nicht mit Mächten anlegen, die eine Nummer zu groß für uns sind", brummte der Sergeant düster.
Colin reichte ihm sein Glas und stieß mit ihm an. "Mitnichten, mein lieber Sergeant. Und überhaupt, diese Sache mit der Geisterjägerei ist Schnee von gestern. Ich bin jetzt Polizist, genau wie Sie."
"Haben Sie sich so schnell damit abgefunden?", fragte Moore und nahm einen großen Schluck.
Colin zuckte mit den Achseln. "Was bleibt mir denn anderes übrig? Der Inspector hat ja sehr deutlich gesagt, was er von meiner früheren Beschäftigung hält."
Moore sah nachdenklich in sein Bier. "Auch wenn die Umstände so sind wie im Fall Sterling? Wenn es doch eindeutig nach dem Angriff eines Werwolfs aussieht?"
Colin verdrehte die Augen. "Davon, lieber Sergeant, bin ich noch lange nicht überzeugt."
Der Barkeeper läutete die letzte Runde ein, und Colin warf einen Blick auf seine Taschenuhr. "Ich möchte morgen gerne noch jemanden zu diesem mysteriösen Manuskript befragen. Treffen wir uns um neun Uhr vor dem Britischen Museum?"
*
Die Fassade des Britischen Museums, die mit ihren Säulen und dem spitzen Giebel wie ein griechischer Tempel anmutete, erhob sich gespenstisch aus dem milchigen Morgennebel, als Colin und Moore sich dort begegneten. Vom Ufer der Themse her drang entfernt das Glockenspiel von Big Ben an ihre Ohren. Es war neun Uhr.
"Guten Morgen, Commander."
"Guten Morgen, Sergeant." Colin sah einen Moment lang nachdenklich der kleinen weißen Wolke nach, die sein Atem in der kalten Morgenluft hinterließ. "Sagen Sie, war es gestern Morgen eigentlich auch so nebelig?"
"Gestern um diese Zeit? Ja, ich glaube schon, warum?" Moore fröstelte. "Können wir uns drinnen weiter unterhalten?"
"Freilich. Ich soll Sie übrigens von unserem gemeinsamen Freund Abdul grüßen", sagte Colin, während er die Stufen zum Eingang des Museums hinaufging. "Ich habe mich gestern Abend noch mit ihm über Ihre Theorie unterhalten, und zu meiner Überraschung hat er eingeräumt, dass Sie unter Umständen auf der richtigen Fährte sein könnten. Sollte das in der Tat so sein, bitte ich Sie, meine Entschuldigung dafür anzunehmen, dass ich an Ihnen gezweifelt habe."
"So, so", machte Moore triumphierend und zwirbelte sich nachdenklich den Schnurrbart.
Colin hielt ihm die Tür auf. "Es gibt mindestens zwei mögliche Definitionen für das Werwolf-Phänomen. Eine davon schließe ich eigentlich aus, aber Abdul nicht. Von der anderen Theorie habe ich vor einigen Jahren mal etwas gelesen. Ich hoffe, in der hiesigen Bibliothek etwas über das Thema zu finden. Aber zunächst mal wollen wir uns mit Mister Chalice unterhalten, Sergeant."
*
Algernon Chalice bat seine Besucher, in eleganten Stühlen aus dem achtzehnten Jahrhundert Platz zu nehmen. Moore und Colin setzten sich sehr behutsam hin, um die kostbaren Möbel nicht versehentlich zu beschädigen.
Chalice hingegen ließ sich mit seinem ganzen Gewicht auf seinen Stuhl fallen, so dass das Holz gequält knirschte. Mit einem fleckigen Taschentuch tupfte er sich den Schweiß von der Stirn, ehe er es in der Hosentasche verschwinden ließ.
"Scotland Yard also", wiederholte er nachdenklich, nachdem Colin und Moore sich vorgestellt hatten. "Was führt Sie her, Gentlemen?"
"Wir ermitteln im Mordfall Sterling", sagte Moore. "Sie haben sicherlich davon gehört."
Chalice seufzte schwer. "Ich bin noch immer außer mir", sagte er erschüttert. "Er war einer der feinsten Schauspieler, die es für Shakespeares Werke je gab. Ich werde ihn vermissen."
"Haben Sie ihn oft auf der Bühne gesehen?", fragte Colin.
Chalice sah den jungen Mann über den Rand seiner Brille hinweg an. "Sie meinen, ob ich ihn oft auf der Bühne gesehen habe, seitdem er bei Finch unter Vertrag war? Nein, habe ich nicht. Ich vermeide den gesellschaftlichen Umgang mit Elementen wie Mister Finch, wenn ich es kann."
Colin gratulierte sich innerlich. Er schien einen Nerv getroffen zu haben. Die Feindschaft zwischen Finch und Chalice schien sehr tief zu sein. Vielleicht ließen sich hier wertvolle Informationen sammeln – vielleicht waren die Aussagen des Museumsmitarbeiters aber auch zu subjektiv gefärbt, um vor Gericht Bestand zu haben.
"Woher rührt diese Abneigung, wenn ich fragen darf?", fragte Moore unschuldig. Colin hatte ihm die Geschichte, die ihm seine Tante am Vortag erzählt hatte, zwar berichtet, aber der Sergeant tat nun so, als hörte er zum ersten Mal davon.
"Finch", knurrte Chalice und zupfte nervös an seinem langen Backenbart. "Ein Emporkömmling, der lediglich von Shakespeares Ruhm zehrt. Dieser Mann hat in seinem ganzen Leben noch nichts geleistet, das es wert wäre, für die Nachwelt überliefert zu werden."
"Nun", sagte Colin langsam, "er führt immerhin ein recht erfolgreiches Theater, wenn ich richtig informiert bin."
"Das ist keine Kunst", schnitt ihm Chalice mürrisch das Wort ab.
"Oh, in Zeiten wie diesen ist es das durchaus", bemerkte Moore.
"Dieser Mister Finch", giftete Chalice, "gibt sich in der Gesellschaft als Shakespeare-Experte aus, gerade so, als habe er den Barden noch persönlich gekannt! Dabei weiß der Mann nichts über ihn, und noch weniger über große Literatur! Er sammelt lediglich alles Mögliche über Shakespeare und prahlt dann mit seinen Trophäen."
"In der Tat", murmelte Colin. "Was sammelt Mister Finch denn so?"
Chalice machte eine hilflose Geste. "Hauptsächlich alte Bücher, Theaterprogramme und Plakate, soweit ich weiß."
Colin griff in die Innentasche seines Jacketts und zog ein zerknittertes Stück Papier hervor, das er auf der Lehne seines Stuhles gerade strich, ehe er es Chalice zeigte. "So etwas auch?"
Der Literaturhistoriker erbleichte. "Wo ... wo haben Sie das her?"
Moore und Colin wechselten einen stummen Blick. "Das tut jetzt nichts zur Sache", sagte Colin dann. "Aber wir haben Grund zu der Annahme, dass dieses Manuskript eine Rolle im Mordfall Sterling spielt. Das letzte Mal, dass man von
Love's Labour's Won hörte, war es in einer Auseinandersetzung zwischen Ihnen und Mister Finch. Erzählen Sie uns davon."
"Also schön." Chalice sah mit aufgerissenen Augen zu, wie Colin das Papier seelenruhig wieder zusammenfaltete und in seinem Jackett verschwinden ließ. "Wir sind uns vor zwei Jahren bei der Jahresfeier der
Royal Shakespeare Society begegnet. Damals wusste ich noch nicht, was für ein Mensch Mister Finch ist. Jedenfalls erzählte er allen, dass er einen Buchhändler aus Westminster übertölpelt und ihm eine wertvolle Shakespeare-Handschrift für ein paar Shilling abgeluchst hatte. Ich redete auf ihn ein, er möge das kostbare Manuskript doch dem Museum als Leihgabe zur Verfügung stellen, aber er lehnte ab. Als ich den Fall dann öffentlich machte, konnte er sich plötzlich an nichts erinnern."
Moore horchte auf. "Dieser Buchhändler aus Westminster ... wissen Sie noch den Namen des Gentlemans?"
Chalice nickte. "Selbstverständlich. Joseph Harrington ist ebenfalls Mitglied der
Royal Shakespeare Society und ein enger persönlicher Freund von mir. Umso enttäuschter war ich von Mister Finchs Versuch, sowohl Mister Harrington als auch mich der Lächerlichkeit preiszugeben."
Colin und Moore sprangen gleichzeitig auf. "Vielen Dank für Ihre Zeit, Mister Chalice", sagte Moore. "Ich denke, Sie haben uns sehr weitergeholfen."
Der Historiker erhob sich langsam und führte die beiden Polizisten zur Tür seines Büros. Ehe er sie öffnete, wandte er sich nochmals an Colin: "Eine Bitte, Commander Mirth ... Dürfte ich es ... wenigstens einmal anfassen?"
*
"Wir sollten Mister Harrington unbedingt noch einmal einen Besuch abstatten", brummte Moore, als er mit Colin durch die Ausstellungsräume des Museums eilte. Für die wertvollen Kunstschätze, die sich hier türmten, hatte der Sergeant keine Augen. Ihn interessierte lediglich die Antwort auf die Frage, warum Harrington am Vortag mit keiner Silbe erwähnt hatte, dass ihm der Manuskriptfetzen in Sterlings Hand bekannt gewesen war. "Wenn Sterling das Buch noch bei sich hatte, als er in die Buchhandlung kam, dann hat Harrington es ihm vielleicht selbst entrissen."
"Oder man hat es ihm bei der tödlichen Auseinandersetzung aus den Händen gerissen", wandte Colin ein. "Aber dann kann er uns vielleicht sagen, wie das Manuskript zu dem Mord an Mister Sterling passt."
"Oder Harrington hat Sterling doch selbst getötet und sich dann gewaschen und umgezogen, ehe er die Polizei gerufen hat—was ist denn?"
Colin war stehen geblieben. "Hier geht es zur Bibliothek", sagte er unschlüssig.
Der Sergeant seufzte. "Tun Sie, was Sie nicht lassen können. Sie recherchieren hier, ich verhöre Mister Harrington. Treffen wir uns gegen eins im Büro? Wir können dann unsere Erkenntnisse austauschen und eine Kleinigkeit essen gehen."
"Abgemacht", grinste Colin. "Und danke, Sergeant."
*
Archibald Moore öffnete die Tür zu Harringtons Buchhandlung mit Schwung, so dass das kleine Glöckchen über dem Eingang wild bimmelte.
"Hallo?" Moore sah sich um. Er schien um diese Zeit der einzige Kunde des Buchhändlers zu sein. Aus der Ferne hörte er Big Ben läuten; viertel vor elf also. Er zog seine Taschenuhr hervor und justierte sie, da sie wie immer ein wenig vorging. Dann zwängte er sich zwischen den eng beieinander stehenden Regalen hindurch, auf der Suche nach Joseph Harrington.
"Mister Harrington? Ich bin es, Moore, Scotland Yard", rief der Sergeant. "Ich hätte da noch zwei bis drei Fragen, Sir. Hallo?"
Keine Antwort.
Moore wurde allmählich ungeduldig. "Hallo!"
Selbst wenn Harrington viel zu tun hatte – was angesichts der fehlenden Kunden in seinem Laden kurz vor der Mittagszeit sicherlich nicht der Fall war –, so zeugte es nicht gerade von gentlemanhaftem Benehmen, einen Besucher nicht einmal zu begrüßen. Schon gar nicht, wenn dieser von der Polizei kam.
Der Buchhändler war auch nicht an seinem Schreibpult im hinteren Teil des Ladens. Moore stutzte. Gab es noch ein Hinterzimmer, in dem Harrington sein konnte? Vielleicht hatte er ihn ja gar nicht hereinkommen und rufen gehört.
Dann bemerkte Moore drei Dinge gleichzeitig.
Die schwere Eisenkassette auf dem Pult, welche die Kasse enthielt, war aufgebrochen worden.
Es gab eine Tür zum Hinterhof, und die war nur angelehnt.
Der Grund dafür, dass die Tür nicht richtig schloss, war Joseph Harringtons regloser Körper, der in seinem Blut auf der Türschwelle lag.
*
Colin sah auf, als Moore das gemeinsame Büro betrat. "Ah, Sergeant, da sind Sie ja. Haben Sie etwas herausfinden können?"
Moore schüttelte matt den Kopf und schlurfte zu seinem Schreibtisch. "Der Fall ist gerade noch verzwickter geworden. Mister Harrington ist tot."
"Hm." Einem plötzlichen Impuls folgend, sprang Colin auf. Er schloss die Zimmertür ab und kramte die kleine Glasphiole hervor, die seinen Flaschengeist Abdul beherbergte.
"Wollen Sie ihn etwa herausholen? Hier?", zischte Moore entgeistert.
Colin nickte. "Ich denke, wir alle sollten unseren Grips anstrengen, um weiterzukommen. Die Tür ist zu, was soll schon passieren?"
"Bitte", seufzte Moore.
Colin löste den Korken, und ein wabernder bläulicher Nebel entwich der kleinen Flasche. In Sekundenschnelle hatte sich die Wolke zu der Form eines glatzköpfigen Mannes unbestimmten Alters verfestigt, der von innen heraus blau zu leuchten schien.
"Ihr wünscht, Efendi?", fragte Abdul und verbeugte sich.
"Wir haben einen Fall zu lösen", eröffnete Colin die Besprechung.
"Zwei Fälle, wenn man Harrington mitzählt", korrigierte Moore ihn.
"Immer der Reihe nach, lieber Sergeant."
Moore zwirbelte seinen Schnurrbart. "Selbstverständlich, Commander."
"Also", Colin räusperte sich, "was die Sache mit den Werwölfen angeht, bin ich fündig geworden. Es gibt grundsätzlich zwei Interpretationen für dieses Phänomen, die aber beide miteinander verknüpft zu sein scheinen. Die erste Erklärung ist banal: Wenn man die Aufzeichnungen des französischen Mediziners Rougemont genau liest, könnte der Werwolf-Mythos auf die Tollwutkrankheit zurückzuführen sein."
"Tatsächlich", brummte Moore.
"Die Tollwut, im Mittelalter auch noch als 'Hundswut' bekannt, ist erstens sehr ansteckend. Zweitens lässt sie den Patienten in Raserei verfallen. Der Patient hat Krämpfe, die Gesichtsmuskulatur verzerrt sich, darüber hinaus tritt eine starke Überempfindlichkeit gegen Licht ein", dozierte Colin. "Übertragen wird die Tollwut oft durch den Biss von Füchsen, Wölfen und Hunden. Und exakt an dieser Stelle haben abergläubische Zeitgenossen offenbar eine Assoziation zu einer anderen Legende hergestellt."
Abdul nickte ernst. "Wolflinge."
"Richtig", pflichtete Colin ihm bei. "Eine Sage von Mischwesen zwischen Menschen und Hunden. Solche Kreaturen kommen faszinierenderweise in fast allen Kulturen der Menschheit vor. Denken Sie nur an den ägyptischen Gott Anubis, der mit dem Kopf eines Schakals dargestellt wird. Charles Darwin hat in seinem Werk bekanntlich eine entwicklungsgeschichtliche Nähe zwischen Menschen und Affen postuliert; es ist nicht auszuschließen, dass ein anderer, weniger erfolgreicher Zweig der Evolution eine andere Gattung Mensch hervorgebracht hat."
"Und so einem Wesen sind Sie schon einmal begegnet?" fragte Moore fasziniert.
"Bin ich. In Indien", bestätigte Colin. "Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Der Mordfall Sterling hat nichts mit einem Werwolf zu tun."
"Die tödliche Verletzung, die man Mister Harrington zugefügt hat, sieht übrigens genau so aus wie die von Mister Sterling", sagte Moore.
Colin stutzte. "Ist das so?"
Moore nickte stumm.
Abdul wechselte einen Blick mit seinem Meister. "Vielleicht hat der Sergeant doch recht, Efendi. Wenn es nun ein Hundling war?"
"War es nicht." Colin schüttelte energisch den Kopf. "Die Wunde hatte nicht die richtige Form und Größe, um der Biss eines Hundlings gewesen zu sein, Abdul."
"Lassen Sie uns den Fall Sterling noch einmal Revue passieren", schlug Moore hoffnungsvoll vor. "Als Tatzeit haben wir den gestrigen Morgen definiert. Es war neun Uhr, und Mister Harrington hatte soeben seinen Laden aufgesperrt. Unmittelbar danach muss sich Mister Sterling dem Geschäft genähert haben, und direkt vor dem Geschäft ist er angegriffen worden."
"Woraus schließen wir das?", hakte Colin nach.
"Draußen gab es keine Blutspuren", erinnerte Moore ihn.
"Draußen gab es auch keine Zeugen", gab Colin zu bedenken. "Zumindest hat sich keiner gemeldet. Finden Sie das nicht merkwürdig, auf einer belebten Straße wie der Rochester Row?"
Moore zwirbelte seinen Schnurrbart. "Dann muss der Angriff an einem Ort vorgefallen sein, der vor neugierigen Blicken geschützt ist. Eine Seitenstraße, ein Hinterhof ..."
"In dem Fall hätte Mister Sterling auf dem Weg zum Geschäft aber eine Blutspur hinterlassen", wandte Colin ein.
Abduls Gesicht hellte sich auf. "Efendi, Ihr habt recht. Und der Sergeant hat auch recht. Der Angriff ist im Verborgenen geschehen, aber direkt vor dem Geschäft."
Colin schnippte mit den Fingern. "Du meinst, in einer Kutsche!"
Der Flaschengeist nickte. "In einer Kutsche, die an dem Geschäft vorbeifuhr."
Moore legte die Stirn in Falten. "Sterling und der Werwolf sind mit einer Kutsche durch London gefahren? Ich bitte Sie!"
"Es war kein Werwolf", sagten Abdul und Colin gleichzeitig.
"Selbst, wenn es so gewesen ist, wie Sie sagen ... Ein paar Schritte muss Sterling doch bis zu dem Laden gemacht haben", folgerte Moore. "Aber wir haben auf der Straße kein Blut gefunden."
"Versetzen Sie sich in seine Lage", rief Colin. "Sie haben eine klaffende Wunde an der Halsschlagader. Was tun Sie instinktiv?"
Moore dachte nicht lange nach. "Ich presse meine Hand gegen die Verletzung, um die Blutung zu stoppen."
"Genau. Ihnen rinnt in dem Moment vielleicht Blut durch die Finger, aber es kommen keine Unmengen davon heraus. Dann aber legen Sie die Hand auf die Türklinke, um die Tür zu der Buchhandlung zu öffnen. Der Druck auf die Wunde ist für ein paar Augenblicke weg, und
voilà!" Colin klatschte in die Hände. "In kürzester Zeit verlieren Sie viel Blut, geraten ins Taumeln und verlieren das Bewusstsein. Exitus."
"Durchaus denkbar, Commander. Warum nehme ich aber nicht die andere Hand, um die Tür zu öffnen?" fragte Moore skeptisch.
"Weil Sie in der anderen Hand ein kostbares Manuskript halten, das sie auf keinen Fall auf den Boden fallen lassen möchten", soufflierte Abdul hilfsbereit.
"Ja, das Manuskript." Moore trommelte mit den Fingerspitzen auf den Schreibtisch und sah nachdenklich von Abdul zu Colin. "Das Shakespeare-Manuskript, das Harrington damals an Finch verkauft hat. Und nun bringt Sterling das kostbare Stück zurück zu Harrington in den Laden. Wenn wir den Grund dafür wissen, haben wir vielleicht ein Motiv."
"Interessant ist die Frage, wo das Manuskript jetzt ist", grübelte Colin.
Moore lachte plötzlich auf. "Beim Mörder von Mister Harrington natürlich. Sterling hat das Manuskript noch in der Hand gehabt, als er in der Buchhandlung starb. Harrington hat es ihm abgenommen, und dabei ist ein Fetzen vom Deckblatt in Sterlings verkrampfter Faust stecken geblieben. Haben Sie Harringtons Gesichtsausdruck bemerkt, als Sie den Zettel gefunden haben?"
Colin schüttelte stumm den Kopf.
"Harrington hat das Manuskript vermutlich an dem sichersten Ort im Laden versteckt, und das dürfte die schwere Eisenkassette in seinem Schreibpult gewesen sein, in dem er auch sein Geld aufbewahrte. Heute war die Kasse aufgebrochen, aber es war noch Geld darin. Harringtons Mörder hat nur das Manuskript entwendet", rief Moore triumphierend. "Wenn das Manuskript wirklich der Schlüssel für den Fall ist, dann hat es beide Männer das Leben gekostet. Und der Mörder ist auch der gleiche."
Colin stand auf und gab Abdul mit einer Geste zu verstehen, dass er sich wieder in seine Flasche zurückziehen sollte. "Sie sagten, die Wunden sehen identisch aus? Gehen wir doch einmal ins Leichenschauhaus, ich möchte mich davon überzeugen."
*
Doktor Ebenezer MacKinnon führte Colin Mirth und Archibald Moore in ein kaltes Gewölbe, dessen steinerne Mauern mit einem dünnen Film Kondenswasser bedeckt waren. Auf zwei hölzernen Tischen lagen die nackten Körper von Roderick Sterling und Joseph Harrington aufgebahrt. MacKinnons Mitarbeiter hatten die Leichen bereits gewaschen und den Toten die Augen geschlossen.
"Ich habe so etwas lange nicht mehr gesehen, Gentlemen", sagte der Pathologe im Plauderton, als er neben die beiden Leichen trat.
Colin zog die Augenbrauen hoch. "Sie haben solche Wunden schon einmal gesehen, Doktor?"
"Ich könnte mich natürlich täuschen", MacKinnon kratzte sich am Kopf, "aber ich will verdammt sein, Sir, wenn das nicht die gleiche Todesursache ist wie bei einem Dockarbeiter, den ich vor ein paar Monaten auf meinem Tisch hatte."
"Sehen Sie", raunte Moore Colin zu. "Vielleicht treibt doch ein Werwolf in London sein Unwesen."
Der Doktor, der die Bemerkung des Sergeants gehört hatte, lachte schallend. Das Gelächter hallte furchteinflößend in dem niedrigen Gewölbe wider. "Ein Werwolf! Gütiger Himmel, Sergeant, Sie kommen vielleicht auf Ideen! Schauen Sie doch mal, was ich in den beiden Gentlemen hier gefunden habe."
Er reichte Colin und Moore einen kleinen Zinnteller, auf dem einige winzige gebogene Splitter lagen.
"Glas?"
"Splitter?"
Die beiden Polizisten sahen den Pathologen verblüfft an.
"Michael O'Malley, so hieß der Gentleman damals, glaube ich", fuhr MacKinnon ungerührt fort. "Seine Spießgesellen hatten ihm eine Weinflasche über den Schädel gegeben, ihm anschließend die halb durchgebrochene Flasche in die Kehle gerammt und ein paar Mal umgedreht. Hässliche Sache, kann ich Ihnen sagen. Sah genau so aus wie diese Wunden da. Regelrecht ausgestanzt, was?"
*
"Und was ist mit Mister Sterlings Alpträumen, von denen Finch sprach?", fragte Moore verunsichert, als er mit Colin im Schutze der Dunkelheit vor dem Haus von Samuel Finch wartete.
"Ein Ablenkungsmanöver", mutmaßte Colin gleichgültig, "das uns auf eine falsche Fährte locken sollte. Was Mister Finch ja auch fast gelungen wäre. Und mich bestärkt dieser Umstand in meinem Verdacht, dass wir unserem Mörder nun dicht auf der Spur sind."
Moore ging eine Weile schweigsam auf und ab. "Und was ist mit Ihrem Gerede vom Vollmond?"
Colin grinste. "Verzeihen Sie mir. Ich habe Sie nur auf den Arm nehmen wollen. Die Versuchung war einfach zu groß."
"Schon gut, schon gut", seufzte Moore. "Das heißt dann wohl, dass ich meine silbernen Kugeln meinem Waffenhändler wieder zurückgeben kann, was?"
"Wie ich schon sagte: purer Aberglauben", sagte Colin achselzuckend.
"Wie Sie schon sagten", echote Moore kleinlaut. Er trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und zog seine Taschenuhr. "Wir
müssen das nicht tun, Commander. Das wissen Sie ja. Wir können uns einen Durchsuchungsbefehl holen, und morgen ..."
"Das dauert zu lange", unterbrach Colin seinen Kollegen gereizt. "Wir müssen
jetzt wissen, was Sache ist."
"Schon gut, schon gut", winkte Moore beschwichtigend ab. Er warf einen Blick auf die Uhr und bemühte sich, im Licht der Straßenlaterne das Zifferblatt zu erkennen. Er unterdrückte ein Gähnen. "Gute Güte! Ist das wirklich schon drei Uhr morgens?"
Colin antwortete nicht.
Nach einer Weile versuchte der Sergeant erneut, die ins Stocken geratene Konversation wiederzubeleben. "Wissen Sie, was ich gedacht habe, Commander? Wir könnten zurück in die Buchhandlung gehen und nachsehen, ob dort jetzt vielleicht die Geister von Sterling und Harrington herumspuken. Wir könnten sie dann einfach fragen, wer ihr Mörder war."
Colin gähnte herzhaft. "Brillant, Sergeant. Ihr Plan krankt leider an zwei entscheidenden Punkten."
"Und die wären?"
"Erstens kann es Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis ein Geist an dem Ort erscheint, wo er als Mensch zu Tode gekommen ist. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die beiden bereits heute Nacht dort auftauchen", erklärte Colin.
"Könnten Sie sie nicht herbeizaubern?", fragte Moore. "Sie kennen doch die entsprechenden Beschwörungsformeln..."
"So etwas tue ich grundsätzlich nicht", Colin schüttelte entschieden den Kopf. "Und zweitens: einmal angenommen, die beiden wären dort und wir könnten ihnen Fragen über ihren Mörder stellen – wie machen wir Inspector Pryce klar, wie wir zu den Zeugenaussagen gekommen sind?"
"Hm." Moore zwirbelte nachdenklich seinen Schnurrbart. "Da ist etwas Wahres dran, Commander."
Ein bläuliches Licht, welches von der Haustür des Theaterdirektors auszugehen schien, lenkte die beiden Männer von ihrem Gespräch ab. Im nächsten Augenblick quoll eine blaue, leuchtende Substanz in einem endlosen Strang aus dem Schlüsselloch des Hauses hervor. Auf dem Trottoir verfestigte sie sich mit einem schmatzenden Geräusch, und nach wenigen Sekunden stand Abdul in seiner normalen Gestalt vor Moore und Colin.
"Und?", fragte Colin gespannt. "Hast du etwas gefunden, Abdul?"
"Es ist, wie Ihr gesagt habt, Efendi", der Flaschengeist nickte. "Mister Finch besitzt in der Tat eine Kutsche. Sie steht im Innenhof, und es scheint so, als wäre sie erst vor Kurzem gründlich gereinigt worden."
"Das beweist noch nichts", brummte Moore.
"Oh, ich habe noch mehr gefunden", beeilte sich Abdul zu sagen. "Blutbefleckte Kleidung im Keller, Efendi. Und neben der Kutsche stand ein Eimer mit einer Bürste darin, und an beiden waren Reste von Blut. Und das hier steckte zwischen den Sitzpolstern des Gefährts."
Mit diesen Worten reichte er dem Sergeant einen Glassplitter, der eine verdächtige Ähnlichkeit mit denen aufwies, welche Doktor MacKinnon ihnen am Nachmittag gezeigt hatte.
*
Am Morgen des 17. Januars 1877 betraten Colin Mirth und Archibald Moore in Begleitung von drei Polizisten des Polizeireviers King Street das Haus von Samuel Finch.
Sie trafen Finch beim Frühstück an. Der Theaterdirektor sah von der Lektüre der
Times auf, als die Polizisten in den Salon drängten.
"Guten Morgen, Gentlemen", sagte er überrascht. "Welchem Umstand verdanke ich Ihren unangemeldeten Besuch?"
Moore baute sich vor Finch auf. "Sind Sie Mister Samuel Finch?"
Finch legte die Zeitung beiseite und langte ungerührt nach der Marmelade. "Seien Sie nicht töricht, Sergeant. Ich habe mich Ihnen erst vorgestern vorgestellt."
"Im Namen Ihrer Majestät, Königin Victoria, verhafte ich Sie hiermit", fuhr Moore unbeirrt fort. "Sie stehen im Verdacht, der Mörder von Roderick Sterling und Joseph Harrington zu sein. Möchten Sie zu der Beschuldigung Stellung nehmen?"
Finch stellte das Marmeladenglas zurück an seinen Platz. "Das wird nicht nötig sein, Sergeant. Ich fürchte, Sie haben mich erwischt. Warten Sie bitte einen Moment, ich komme dann gleich mit."
Moore und Colin wechselten einen überraschten Blick. Sie hatten mit mehr Widerstand gerechnet und daher auch Verstärkung mitgebracht.
Colin räusperte sich. "Mister Finch ... dieses ominöse Manuskript ... Sie wissen schon, Sir,
'Love's Labour's Won' ..."
Finch schnaubte verächtlich. "Hören Sie mir bloß auf damit. Das verdammte Ding hat mir nichts als Scherereien eingebracht!"
"Was Sie nicht sagen", bemerkte Moore in einem sarkastischen Tonfall. "Das Manuskript hat immerhin zwei Gentlemen das Leben gekostet!"
"Joseph und Roddy waren nicht das, was Sie und ich unter einem Gentleman verstehen", rief Finch wütend. "Harrington hat mir ein völlig wertloses Schriftstück verkauft! Und Roddy, dieser jämmerliche Dieb, hat es mir gestohlen!"
"Moment", Colin hob beschwichtigend die Hand. "Sagten Sie gerade
wertlos, Sir?"
"Wertlos", echote Finch. "Harrington hat mich übers Ohr gehauen. Er hat mir eine elende Fälschung als kostbares Shakespeare-Manuskript angedreht. Und ich Trottel habe auch noch bei den Gentlemen der
Royal Shakespeare Society damit angegeben, was ich für ein unglaubliches Schnäppchen gemacht habe. Nach meinem Streit mit diesem Historiker vom Britischen Museum bin ich dann aber vorsichtiger geworden. Also habe ich im letzten Jahr zwei unabhängige Gutachter damit beauftragt, das Manuskript zu untersuchen. Beide kamen zu dem gleichen Ergebnis."
"Wie befremdlich", murmelte Moore.
"Wenn das bekannt geworden wäre ..." Finch schüttelte fassungslos den Kopf. "Ich wäre zum Gespött von ganz London geworden. Niemand wäre mehr in
The Bard's Corner gekommen."
"Wie ist Mister Sterling in den Besitz des Manuskripts gekommen?", fragte Colin.
Finch zuckte mit den Schultern. "Er war der Kurier, der mit dem Manuskript bei dem Gutachter gewesen ist. Ich hatte ihn mit meiner Kutsche vom Bahnhof abgeholt. Und auf dem Weg durch Westminster drohte er damit, mich zu erpressen. Ich war wütend und habe ihn mit einer Flasche geschlagen. Die ist dabei zerbrochen. Und dann... dann habe ich mit dem abgebrochenen Flaschenhals zugestochen, um ihn zum Schweigen zu bringen."
"Was Ihnen zweifelsohne gelungen ist", stellte Colin nüchtern fest. "Und gestern gingen Sie zu Harrington, um nach dem Manuskript zu suchen?"
Finch nickte langsam. "Er hatte es an sich genommen. Aber er wollte mein Eigentum nicht herausgeben. Er wollte es mir noch einmal verkaufen, zu einem Wucherpreis ..."
"Ich denke, das genügt", winkte Moore ab. "Den Rest können Sie bei Ihrer Abschiedsvorstellung in Old Bailey zu Protokoll geben, Mister Finch."
*
Colin und Moore sahen den Polizisten, die Finch abführten, zufrieden und erleichtert hinterher.
"Was für ein verrückter Kerl", brummte Moore und zwirbelte seinen Schnurrbart.
Colin warf einen Blick zurück in die Wohnung des Theaterdirektors. "Was wohl jetzt aus seiner Sammlung wird?"
Moore zuckte mit den Achseln. "Wenn er keine Verwandten hat ... Asservatenkammer, schätze ich. Und irgendwann wird die Sammlung sicherlich versteigert. Warum fragen Sie?"
"Ach, nichts. Nur so ein Gedanke", seufzte Colin. "Eigentlich hätte ich schon viel früher darauf kommen müssen, dass der gute Mister Finch nicht ganz richtig im Kopf ist."
"So?", staunte Moore.
"Ja", Colin nickte. "Wegen seiner Äußerung über das Kinematoskop. Wie kann er nur ernsthaft glauben, dass so ein Gerät eine Zukunft hat? Völlig absurd, Sergeant!"
Moore klopfte Colin auf die Schulter. "Ganz Ihrer Meinung, Commander."
Der Autor Achim Hiltrop (geboren am 2. Juni 1971) lebt in Essen und ist als kaufmännischer Angestellter in der chemischen Industrie tätig. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und beschäftigt sich in seiner freien Zeit hauptsächlich mit seiner ständig wachsenden „Star Wars“-Sammlung. Daneben gehören Musik und Filmgeschichte zu seinen Hauptinteressen.
Zu seinen bisherigen Veröffentlichungen zählen die Romane der „Gallagher-Chroniken“ (erschienen im Atlantis-Verlag und im Basilisk-Verlag) sowie Beiträge zur Science-Fiction-Serie „Rettungskreuzer Ikarus“ (Atlantis-Verlag) und zur Fantasy-Reihe „Shogun“ (VSS-Verlag). Achim Hiltrop – Colin Mirth: Als Colin Mirth im Jahre 1876 vom Secret Service zu Scotland Yard versetzt wird, brechen aufregende Zeiten in London an. Mit seinem Kollegen Archibald Moore und dem orientalischen Flaschengeist Abdul muss der bekennende Shakespeare-Liebhaber knifflige Fälle lösen und gerät dabei in haarsträubende Situationen – denn nicht immer ist der Täter von dieser Welt. Gespenster, Magier und Dämonen – aber auch gewöhnliche Kriminelle – halten Colin und seine Freunde auf Trab und sorgen für spannende und humorvolle Unterhaltung.
Die Abenteuer von Colin Mirth, Archibald Moore und dem Flaschengeist Abdul wurden erstmals 2003 in einer Rohfassung als e-Book online veröffentlicht. Nun liegen die Geschichten in ihrer endgültigen Form – und um zweieinhalb brandneue, bisher unveröffentlichte Episoden erweitert – als Roman vor. Testleser beschrieben "Colin Mirth" als eine gelungene Mischung aus "Sherlock Holmes", "Akte X", "John Sinclair" und "Die Zwei".
Achim Hiltrop
Colin Mirth
ISBN 978-3-8370-0910-1
Paperback, 240 Seiten
Preis: EUR 13,95
Weitere Informationen gibt es unter
www.colin-mirth.de Das Corona Magazine ist geistiges Eigentum der Redaktion (1997-2008).