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23
Mai

Im Gespräch mit Michelle Stern

Eine neue Autorin für "Perry Rhodan Neo"

von Reiner Krauss
Reiner Krauss

Déjà-vu: Erinnern Sie sich noch an den Perry Rhodan Weltcon 2011? Erinnern Sie sich auch an diese Zeilen zum Stichwort "Mehr Weiblichkeit bei Perry"? Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja, denn genauso begann bereits die Einleitung zum Interview von Marie Sann.

Die Welt der Science-Fiction wird wirklich von mehr Weiblichkeit in Deutschland geprägt, denn eine weitere Autorin ist in die Riege der Schreiber für "Perry Rhodan", hier im Speziellen für die neue, erfolgreiche Serie "Perry Rhodan Neo" aufgestiegen: Michelle Stern (mit bürgerlichem Namen Stefanie Jahnke).
Nachdem sie 1998 bei einem hessischen Schreibwettbewerb gewann, begann ihre Karriere als Autorin. Zunächst mit Schwerpunkt "Fantasy" z. B. für "Elfenzeit", "SunQuest", aber auch Romane zu "Maddrax" und "Sternenfaust", gelang ihr ein positiv aufgenommener Roman zur "Atlan"-Serie mit dem Titel "Geheimplan Quinto-Center", sowie ein "Perry Rhodan Extra"-Band. Dies war wohl das Sprungbrett, um auch für die neue "Perry Rhodan Neo"-Serie schreiben zu dürfen. Ihr erster "Neo"-Roman kommt am 25. Mai 2012 in den Handel und trägt den Titel »Der erste Thort«.
Ein guter Grund also, um die Autorin für die Corona-Magazine-Leser einmal näher vorzustellen.

Reiner Krauss (RK): Hallo erst mal nach Rodgau! Es freut mich sehr, dass du gerne für ein Interview bereit bist. Vielen Dank.

Michelle Stern (MS): Hallo zurück. Ich freue mich über die Anfrage und das Interesse.

RK: Zunächst einmal verwundert es mich etwas, das du so einige Pseudonyme verwendest. Wird man da nicht durcheinander mit all den Namen und wie kam es zu genau diesen? ;)

MS: Meistens komme ich damit sehr gut zurecht, aber ein Mal ist es tatsächlich passiert, dass ich in meiner Lieblingsbuchhandlung eine EC-Abrechnung mit "Stern" unterschrieben habe. Das hat dann kurzzeitig für Verwirrung und Belustigung gesorgt.
Ich selbst hätte mit weniger Pseudonymen gearbeitet, doch dem Bastei-Verlag war mein Geburtsname "Rafflenbeul" zu lang und meine Erotik-Verlegerin wollte eine klare Abgrenzung zu anderen Projekten, deshalb entstand für die Erotik das Pseudonym Sarah Schwartz.
Im Einzelnen heißt das, dass Mike Schönenbröcher von Bastei mich bat, mir einen Namen auszusuchen. In Absprache mit meinem Mann entschied ich mich für Michelle Stern. Stern ist kurz und gefällt mir, Michelle mochte mein Mann. Ich schlug den Namen vor und er wurde genommen. Im Bereich Erotik machte die Verlegerin den Vorschlag für den Namen Sarah Schwartz und den habe ich gern akzeptiert, besonders weil der Name an eine meiner Lieblingsautorinnen erinnert: Susan Schwartz.

RK: Zu deinem Werdegang. Wann hast du gemerkt, dass dir das Schreiben liegt und Spaß macht, und wie kommt man von "Erotik und Vampire" auf die Fantasy und gar auf Science-Fiction?

MS: Sobald ich lesen konnte, habe ich Literatur verschlungen. Von Mädchenserien wie "Hanni und Nanni" bis Karl May. Mit zwölf Jahren habe ich angefangen, Gedichte und erste Texte zu schreiben. Damals wurde ich ein großer Fan von Stephen King und Tolkien. Nur mit dem Lesen war es schwer, denn fast alles, was ich lesen wollte, stand im Regal meiner älteren Schwester und war verboten.
Doch dann hat mein Vater mir eine Taschenlampe zum Geburtstag geschenkt. Zuerst fand ich das Geschenk ziemlich dumm, bis ich herausfand, dass es sich damit unter der Bettdecke bequem ein bis zwei Stunden pro Abend lesen ließ und der elterlichen Index-Lektüre nichts mehr im Weg stand.
King und Tolkien besitzen jeder auf seine Art eine unglaubliche Fantasie und sie gehen in andere Welten. Das hat mich fasziniert. Sowohl die Schnittstelle zwischen vermeintlicher Realität und Fantastik, als auch das Eintauchen in einen ganz eigenen Kosmos. Ob er nun von Elfen oder von Arkoniden bevölkert wird. Diese Faszination ist immer noch da und durchaus ein Teil des Arbeits-Antriebs.
Auch der Kosmos der Serie "Buffy" hat mich gefangen genommen und dazu angeregt, eine Magisterarbeit darüber zu verfassen.
Was die SF betrifft habe ich gängige Fernsehserien gesehen und in der Schule Bücher wie "Fahrenheit" geliebt. Bis auf die "Buddenbrooks" mochte ich erstaunlicherweise so ziemlich allen Leseschulstoff und war dankbar für die Erfindung von Schulbibliotheken.
Im Grunde kam ich nicht von Erotik und Vampiren auf die Fantasy oder Science-Fiction. Meine Interessen sind vielseitig und Erotik und Vampire lassen sich exzellent verbinden. Im Trinken von Blut lässt sich ein sexuelles Bild finden. In der pädagogischen Mahn-Literatur vorheriger Jahrhunderte werden junge Männer, die Hand als sich selbst legen, wie Vampire dargestellt, die dem Verderben anheimfallen. Davon abgesehen ist die Vorstellung eines Liebhabers oder einer Liebhaberin mit besonderen körperlichen Fähigkeiten und Empfindungen durchaus interessant.
Allerdings spielten meine ersten beiden Erotikromane in dieser Welt, ohne Schnittstelle zur Fantastik. Sie heißen "Tokyo Sins" und "Tokyo Fever" und sind moderne Liebesromane. Ursprünglich hatte ich einen ganz anderen Romanentwurf samt ersten Kapiteln beim Verlag eingereicht. Einen erotischen Fantasy-Roman. Die Verlegerin mochte meinen Schreibstil, suchte aber andere Stoffe. So entstand "Tokyo Sins".

RK: Ich las, das du auch Psychologie studiert hast. Wie hilfreich oder hinderlich ist das, oder was hilft es wenn du deine eigene Präferenz zur "Fantastik" damit reflektierst?

MS: Für mich ist es nur hilfreich, als hinderlich empfinde ich mein Wissen in dem Fall nicht. Letztlich holt sich ein Autor seine Anregungen aus der Welt, die ihn umgibt, prägt und geprägt hat. Sowohl das Studium an der Universität Frankfurt als auch das Fach an sich haben mir Anregungen für Schreibinhalte und Charaktere gegeben. Wenn auch nicht immer durch Lehrbücher.
Einige Menschen haben ja die Vorstellung, dass man in der Psychologie viel über sich lernt, aber so direkt ist das nicht. Bei Studienrichtungen wie "Arbeits- und Organisationspsychologie", "Pädagogik", "Statistik" wird das deutlich. Die spannendsten Bücher über die menschliche Psyche habe ich tatsächlich privat gelesen.
Wenn ich nun über meinen Vorzug der Fantastik lebensgeschichtlich psychologisch nachdenke, könnte ich festhalten, dass ich in Kindheit und Jugend auf der Suche nach besseren oder anderen Welten war, die mir Gegenmodelle zur Realität lieferten, mir aber ebenso gut halfen, die Realität in ihren oft gnadenlosen Facetten zu verstehen und verschiedene Blickwinkel zu entdecken. Das wiederum war für mich hilfreich, um mich selbst sowie meine Umwelt in der Welt zu finden und besser einzuordnen. Den viel zitierten Eskapismus-Vorwurf, nach dem der Leser mit fantastischer Literatur vor der Welt flieht, würde ich in einen Anschauungs-Ausflug an die nächste Ecke abmildern. Vielleicht gibt es ein paar Menschen, die sich tatsächlich in der Literatur verlieren, aber ich denke und hoffe, dass die meisten sich eher finden und bereichern, so wie es mir ging.

RK: Kommen wir zu "Perry Rhodan". Wie gelang dir der Einstieg und wie gefällt dir das Perryversum?

MS: Kurz gefasst: Es war und ist verdammt viel Arbeit und das Perryversum ist einfach nur großartig.
Konkret heißt das: Wenn ich heute Mittag mit meinem Hund eine Stunde rausgehe, nehme ich den MP3-Player mit und höre mir ein Stück Silberband an. Besonders für "Atlan" und das "Extra" habe ich sehr viel Zeit auf die Einarbeitung verwendet. Was "Neo" betrifft habe ich "lediglich" 16 Bände mit gesamt etwa 2560 Seiten vorab gelesen plus Datenblätter und Exposés, das war also vergleichsweise harmlos ;-).

RK: Das Titelbild deines "Atlan"-Bandes bildet eine starke Frau ab, die optisch durchaus mit der Autorin Ähnlichkeit hat, vielleicht ist da auch vom Zeichner etwas unbewusst passiert. Wie hat dir das gefallen?

MS: Oh, die Ähnlichkeit habe ich gar nicht bemerkt. Ich bin nicht mal sicher, ob der Zeichner mich präsent hat als Bild, trotzdem ein schmeichelhafter Gedanke. Das Cover an sich gefällt mir sehr gut, mir gefallen bei "Atlan" allgemein die bunten Umschlag-Farben. So sehr ich Schwarz mag und eine Tendenz zur Gothic-Szene habe, ein schwarzer Buchrücken geht zwischen anderen leicht unter. Das kann bei "Atlan" nicht passieren.

RK: Du warst auch auf dem Weltcon 2011 in Mannheim. Wie fandst du die Veranstaltung und die Gäste?

MS: Der Weltcon hat mir Spaß gemacht, das war herrlich und für mich ziemlich entspannt. Wenn ich Marc A. Herren und Roman Schleifer zwischen den Sälen habe herum hechten sehen, habe ich es noch mehr genossen, größtenteils als Besucher da zu sein. Überhaupt ein großes Lob an Orga und Veranstalter. Der Welt-Con hat alle meine Erwartungen übertroffen. Auch die Gäste standen da in nichts nach. Ich habe viele schöne Erinnerungen mit nach Hause genommen.

RK: Kommen wir auch mal etwas zu deiner Person. Wie gestaltet sich so ein Arbeitstag für dich, wie viel Zeit verbringt man wann mit Schreiben und wann bleibt Zeit für Freizeit und Hobby?

MS: Ich versuche sechs Stunden am Tag zu schreiben, zu korrigieren und Mails zu beantworten oder Telefonate zu führen, wenn sie anstehen. Eine Stunde ist zusätzlich für das berufliche Lesen reserviert, eine Stunde höre ich im Schnitt pro Tag unter der Woche derzeit die Silberbände.
Das Wort "versuchen" ist ja nun schon negativ in dem Sinn, dass es ein Scheitern andeutet. Allgemein passe ich mein Arbeitsleben an das meines Mannes an, arbeite also dann, wenn er in die Spedition am Frankfurter Flughafen entschwindet.
Im Besonderen trödele ich auch mal zwei Wochen herum, kümmere mich um private Dinge, arbeite nur drei bis vier Stunden am Tag, was das Schreiben und berufliche Lesen betrifft, und lese fünf Stunden lang einen Fantasy-Roman.
Im Speziellen gibt es dann die Phasen, in denen ich entweder nicht loslassen möchte, weil mich das Fieber packt, oder es nicht anders geht, weil ein Abgabetermin da ist. Dann arbeite ich auch schon mal 12 bis 13 Stunden am Tag - reine Schreib- und Korrekturarbeit und lasse alles andere stehen und liegen. Zum Glück ist das selten. Großartig ist da mein Mann, weil ich an solchen Extremtagen klaglos mit allem versorgt werde, was ich in meinem Arbeitszimmer benötige - von Essen bis Frischluft - und er sich neuerdings dann auch um den Hund kümmert.
Wenn also alles klappt, habe ich durchaus Zeit für Hobbys.

RK: Apropos Hobby, was sind denn so deine, außer Schreiben versteht sich?

MS: Ich wage einzuwenden, dass ich kaum hobbymäßig schreibe. Ich habe so eine Art Tagebuch, das ich allerdings nur sehr unregelmäßig führe, ansonsten verfasse ich bestenfalls Einkaufslisten oder hin und wieder Protokolle für meinen Fechtkampfverein.
Ich habe Jahre lang als Hobby Kampfkunst betrieben, zuletzt historisches Fechten als Allkampfsystem mit einem Schwerpunkt auf dem Ringen. Leider zieht es mich da seit einigen Monaten so gar nicht hin. Früher war leben für mich oft kämpfen, inzwischen gehe ich es locker an.
Anfang des Jahres haben mein Mann und ich uns einen Beagle-Welpen gekauft. Das ist jede Menge Erziehungsarbeit und Spaß. Außerdem male ich mit Acryl, sehe hin und wieder Serien wie "Big Bang Theory", reise gern und koche zusammen mit meinem Mann oder spiele an der Konsole.
Auch die Themen Energiearbeit und mentales Training interessieren mich. Ich habe zwei Reiki-Grade gemacht. Reiki ist grob gesagt entspannen und Selbstheilung anregen durch Handauflegen. Ich bin nicht böse, wenn andere Menschen nicht an so was glauben und es für sie esoterischer Quatsch ist. Mich entspannt es. Auch mit dem Thema Massage beschäftige ich mich hin und wieder.

RK: Darfst du schon etwas zum Inhalt deines ersten "Perry Rhodan Neo"-Bandes verraten, und wie bist du mit dem Schreiben für diese neue Serie klar gekommen?

MS: Zum Inhalt darf und möchte ich noch nicht zu viel verraten. Es gibt auf jeden Fall einen Gucky-Teil, auch das Geschehen auf der Erde wird weitergeführt. In welche Misere Rhodan und sein Team gerät – da dürfte ich nur die zwielichtigen Andeutungen einer Fantasy-Seherin machen: "Eine schmerzvolle Zeit des Leidens wird über dich kommen, Perry Rhodan, doch in der Dunkelheit findest du einen Schimmer Licht. Vertrau auf die Blauhäutige und folge deinem wahren Willen.” Oder so ähnlich. Mit dem Schreiben bin ich sehr gut klargekommen, da ich die Serie von Anfang an kenne. Kleinere Probleme gab es beim konkreten Beschreiben von ... ha, jetzt hättest du mich fast so weit gebracht ... von großem Leid …, aber auch das ließ sich lösen.

RK: Wie sind deine Wünsche für die nächsten Jahre?

MS: Gesund bleiben, eine schöne Zeit erleben, viele gute Romane schreiben. Unter anderen noch dieses Jahr einen tollen Neo 27 verfassen.

RK: Können wir dich auch im Jahr 2012 auf einer Messe, einem Con oder sonstiger Veranstaltung treffen?

MS: Ich werde auf jeden Fall am Samstag dem 26. Mai auf dem ColoniaCon sein, das ist fest eingeplant. Außerdem bereite ich für die SpaceDays in Darmstadt am 18.08 zusammen mit Hermann Ritter ein "Neo"-Programmpunkt vor. Was sonst noch kommt - mal schauen. Da bin ich offen.

RK: Vielen lieben Dank für die Unterhaltung. Gerne wollen wir mehr von dir in nächster Zeit lesen.

MS: Das freut mich. Vielen Dank zurück und vielleicht bis zum Colonia-Con. Man darf mich gern dort ansprechen.




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