Tarnkappe
von Sven Lenhardt
Kurzgeschichten Themenrunde "Eroberer": 1. Platz
Mateo schüttelte es wie die alkoholischen Gemische, die er allabendlich ausgelassen und maßlos in sich hineinkippte. Und nachdem er ein ums andere Mal ins Taumeln geraten war, entschloss er sich dazu, den Rest der Fahrt sitzend – oder eher zusammengekauert – zu verbringen. Manchmal fragte er sich ernsthaft, wieso er es nicht allmählich mit einem anderen Broterwerb versuchte. Als Wirt etwa könnte er sich nach Belieben selbst einen nachschenken, ohne auch nur einen Silbertaler extra berappen zu müssen. Oder warum verdingte er sich nicht als Zuhälter? – So hätte er immerhin das Vergnügen, seine Mädchen regelmäßigen Leistungskontrollen zu unterziehen. Aber an sich kannte er sich in diesen Milieus sowieso schon bestens aus, profitierte von großzügigen Ermäßigungen. Wozu also die Seite wechseln, wenn er auch so ganz gut fuhr?
Erlösung
von Andreas Dresen
Kurzgeschichten Themenrunde "Eroberer": 2. Platz
Er roch ihre Haut. Der leichte Hauch von Pfirsich, der sich immer zwischen den Laken hielt. Jay sog die Luft im Halbschlaf tief ein. Sein Herz schlug etwas schneller, als er sich an letzte Nacht erinnerte.
Er liebte sie. Das war ihm von Anfang an klar gewesen. Er würde sie nie verlassen, nie im Stich lassen. Doch wie immer, wenn sich Jay diesen Gedanken hingab, mischte sich die altbekannte Furcht in seine Träume, trübte seine Freude, wie ein Tropfen Tinte in einem Glas klaren Wassers.
War er ihr genug? Sie hatte nie etwas gesagt, ihn sogar mit Freuden geheiratet.
"Du spinnst", hatte sein bester Freund Pete gesagt, als er ihm von seinen Befürchtungen erzählt hatte. "Sie liebt dich, du liebst sie. Sei glücklich, denn du hast viele Mitbewerber ausgestochen, als du sie erobert hast."
Doch das kneifende Gefühl war geblieben.
Micha, Michel, Engelchen
von Willi Volka
Kurzgeschichten Themenrunde "Eroberer": 3. Platz
Michel liebte die virtuelle Welt so sehr, dass der Draht zum realen Leben durchbrannte. Er vertraute auf die drahtlose Verbindung. Ohne Halt - als er drahtlos war - konnte er nicht mehr im herzschlagenden Sein ruhen. Das Feuer der Tiefe musste ihn in seiner irrenden Unsterblichkeit verschlingen. Seine Seele ruhe im Himmel.“
Jedes Mal, wenn die Mutter von Micha in der Gedenkkammer saß und die feierlichen Worte des Heimredners hörte, musste sie weinen und ließ ihren Tränen, schon bevor der Bildschirm eine violette Farbe angenommen hatte, freien Lauf. Dann leuchtete die weiße Lampe auf. Würde sie jetzt den Knopf drücken, käme der diensthabende Betreuer, um Tost zu spenden. Einmal wöchentlich, Urlaub ausgenommen, besuchte Michas Mutter die Kammer und tastete das Video von Micha, Michel, Engelchen, den Lebensabriss ihres Sohnes in Bildern, an.
Die Ausstrahlung setzte mit Micha-Baby ein, wie er von seinem Bettchen aus erfolgreich nach einem Telefon angelte, zeigte einen kleinen Jungen, der mit einem ferngesteuerten Auto spielte, sprang über zu einem jungen Burschen, der in einem Kampfspiel als Jetpilot am Bildschirm oder mit konventionellen Flugzeugen durch den Himmel fiel, als Surfer, der tollkühn auf Wellenkämmen ritt, dabei filmte, dass es der Mutter jedes Mal fast schwindelig wurde, Micha als Fallschirmspringer. Der Höhepunkt kam mit Micha in einer Live-Sendung als Bergsteiger, wo er gerade volljährig, bestückt mit Headset-Helm, in Outlet-Kleidung mit Online-Verbindung, mit Hightec-Sensoren und Voice-Kontakt als ein vandalisierendes Objektträgerwesen, technikumpanzert, gleich einem Rieseninsekt das Bestreichfeld seiner augmentierten zoombewegten Sensoraugen bekrabbelte. Sie nannten ihn einen Technospirilli mit umkabelten Herzen. Herzschlag, Denken, Bewegen, kurz alles lag unter technisch-medialer Kontrolle.

