Die Schlampe
von Regina Schleheck
Kurzgeschichten Themenrunde "Das Opfer" - Platz 1
In der vierten Klasse haben wir im zweiten Halbjahr allerhand über Regenwälder gelernt, und dass graues Papier besser ist als weißes, weil dafür keine neuen Bäume sterben müssten, sondern nur das Altpapier, und das wäre ja sowieso schon tot. Das konnten wir eigentlich alle einsehen, nur Katharina sagte ganz laut, das graue Papier säh’ doch einfach scheiße aus. Frau Kessebrink wurde ganz böse, weil man so was ja nicht in den Mund nehmen soll. Aber Katharina hat gesagt, Scheiße wär’ ja auch nix anderes als recyceltes Essen, und wieso das dann nicht in den Mund gehörte? Die Mädchen haben alle „Iiih“ geschrien, und Katharina hat einen Eintrag gekriegt. Sie hat dann erst mal eine Weile Ruhe gegeben und den Kopf auf dem Ellenbogen abgelegt. In der ersten Stunde ist sie meist noch ziemlich müde. Einmal hat sie mir erzählt, dass sie zu Hause nicht schlafen kann. Ihr Stiefvater hat eine Kneipe, und sie wohnen direkt drüber, da ist wohl nachts immer Krach. Frau Kessebrink hat immer gesagt, Katharina hätte viereckige Augen von zu viel Fernsehen, wenn sie sich abgelegt hat. Ich sitze neben ihr und weiß genau, dass sie nicht viereckig, sondern zu sind.
Der Baum
von Uwe Sauerbrei
Kurzgeschichten Themenrunde "Das Opfer" - Platz 2
Der Baum der Schmerzen quälte und befreite sie. Helenas Mund umspielte ein leichtes Lächeln. Blut lief über die Handgelenke, mit denen sie an dem blitzenden Stahl festgebunden war. Zu ihren Füßen, fünf Meter unter ihr, erstreckte sich der karge Fels, in dessen Tiefe der Baum fest verankert war. Die Äste mit messerscharfen Dornen besetzt, ragte er, wie ein Fanal, auf dem Gipfel des Berges empor, schickte dem Himmel Spitzen aus leuchtendem Sonnenfeuer entgegen. Das wehende blonde Haar bildete einen grotesken Gegensatz zur tödlichen Starre der metallenen Arme, in die sich ihr Körper schmiegte. Der Wind peitschte die dünneren Äste immer näher an ihr Gesicht, und es war nur eine Frage der Zeit, wann einer der Zweige, wenn er in Resonanz geriet, ihre Haut zerfetzen würde. Das war einfachste Physik, ein gedankliches Fingerspiel. Keine Herausforderung, jedenfalls nicht für sie. Helena wandte ihren Blick in die Ferne. Ihre exponierte Position ermöglichte ihr eine perfekte Rundumsicht. Die Bergkette zog sich, aus dem Osten kommend, bis zum Horizont und glich einem Gürtel, der den Norden vom Süden trennte. Die Schluchten im Hinterland waren unwirtlich, von Gletschern bedeckt, und die gezackten Bergspitzen reckten sich einem strahlend blauem Himmel entgegen. Helena spürte die wuchtige Kraft dieses Massivs in ihrem Rücken. Die Sonne brannte in ihrem Gesicht, konnte aber nicht den Kataklysmus überstrahlen, der sich mit rasender Geschwindigkeit näherte.
Tagebuch eines Bulldozers
von Aljoscha Jelinek
Kurzgeschichten Themenrunde "Das Opfer"
12.02.2010
„Da sitz ich nun, ich armer Tor und blut so schön wie nie zuvor.“
Schönes Zitat, nicht wahr? Hat das nicht so ähnlich ein runzliger Federschwinger aus Europa geschrieben? Ich weiß auch nicht, wie ich darauf gekommen bin. Passt zu meiner Situation, das auf jeden Fall. Zum Glück habe ich das alte Notizbuch in Dads Schreibtisch gefunden, ich verstecke es hinter einem losen Backstein, wenn ich das Knirschen von seinen Kiefern oben höre. Als würden sie ständig Nüsse mahlen. Mir läuft Eiswasser den Rücken runter, wenn ich nur daran denke. Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt einen Stift halten kann. Die Schmerzen drängen mich dazu alles aufzuschreiben, ich will nicht einfach tatenlos auf den Tod warten.

